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Hinweise der Autorin: Es könnte etwas Gewalt in dieser Story vorkommen, aber Ihr kennt ja diese üblen Burschen, man kann mit ihnen nicht wie mit anständigen Leuten reden. Es muß ihnen manchmal etwas nachgeholfen werden. Und Selbstverteidigung, nun, das muss manchmal sein. Es könnten einige kräftige Ausdrücke fallen, aber so ist das Leben, oder nicht? Der Abschnitt über die Liebe ist der interessanteste. Es geht um eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen. Wenn Ihr also nicht das Glück habt, so wie ich in den Niederlanden zu leben, und Ihr euch dadurch leicht belästigt fühlt, dann sucht Euch etwas anderes zum Lesen. Ich nehm es Euch nicht übel. Im Augenblick weiß ich nicht wie grafisch der Sex sein wird. Das ist eine Überraschung (für mich auch). Es hängt von meiner aktuellen Stimmung ab, sobald ich dahinkomme. Allerdings wird es Sex zwischen zwei erwachsenen Frauen geben. Seht Euch also vor. Zum Schluss, aber nicht weniger wichtig, möchte ich darauf hinweisen, dass nicht englisch, sondern holländisch meine Muttersprache ist. Also habe ich geschrieben und gelesen und wieder geschrieben und wieder gelesen, bearbeitet und korrigiert, (dank dem Himmel für das Webster Dictonary!) Aber dennoch könntet Ihr über einige Rechtschreib- und Grammatikfehler stolpern. Bitte, habt geduld mit mir? Ich werde dazulernen. Feedback ist sehr willkommen. Schreibt einfach an: Lois |
Hinweis der Übersetzerin: Das englische Wort dykes hat im deutschen zwei Übersetzungen: Zum Einen bedeutetes es Deiche und zum Anderen Lesben, aus diesem Grund habe ich das englische Wort belassen, weil auf andere Art der Sinn des Satzes nicht zu erhalten war. Zum letzten Absatz der Autorin möchte ich hinzufügen, daß meine Muttersprache nicht englisch, sondern deutsch ist. Ansonsten schließe ich mich den Reden meiner Vorrednerin an, wie die Politiker so schön sagen, aber ich meine es wirklich so. Nun wünsche ich Euch beim Lesen so viel Freude wie ich sie hatte. |
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The Reef Kapitel 1
Der Novemberhimmel war durch die tagelangen Regengüsse mit schweren grauen Wolken verhangen. Ab und zu versuchte ein zaghafter Sonnenstrahl durch ein kleines Loch zu blinzeln, aber es war nie lange genug um bemerkt zu werden. Die Frau auf dem Business-Class Sitz in der Vorderreihe versuchte sich auf ihre Dokumente, die auf dem Monitor ihres Laptops abliefen, zu konzentrieren, aber nach einer Weile gab sie es auf. Mit einem Seufzer schaltete sie den Computer aus, lehnte sich in den bequemen Sitz zurück und richtete ihren Blick aus dem Fenster. Außer Finsternis unter ihr und einem dunkler werdenden Himmel über ihr war nicht viel zu sehen. "Entschuldigung," unterbrach sie plötzlich eine freundliche Stimme. "Möchten sie etwas zu Trinken?" Die Frau drehte ihren Kopf und blickte in das hübsche Gesicht einer der Flugbegleiterinnen. Nachdenklich erwiderte sie das Lächeln. "Ich möchte bitte etwas Tee." Ein modischer blonder Kopf nickte und verschwand in die kleine, aber effiziente Küche, um einige Minuten später mit dem gewünschten Getränk wieder zu erscheinen. "Kann ich sonst noch etwas für sie tun?" "Nein, danke." "In ungefähr einer Stunde werden wir das Essen servieren, Miss Stevens. Wenn es in der Zwischenzeit etwas gibt, dass ich für sie tun kann, dann teilen sie es mir bitte mit." "Das werde ich, danke," antwortete sie und wandte ihre Aufmerksamkeit dem dampfenden Tee zu. Während sie an ihrem Tee nippte und das kräftige Aroma genoß, streckte Samantha Stevens mit einem zufriedenen Lächeln auf ihrem Gesicht ihre Beine aus und überkreuzte sie an den Knöcheln. "Die Art wie ich nun lange Reisen zurücklege ist viel besser als zu meiner Studentenzeit," grübelte sie. Ihre Gedanken drifteten in diese Zeit zurück. An die langen Stunden, eingesperrt in einem Flugzeug. Keine Möglichkeit zu haben um es sich bequem zu machen. Und schließlich so müde zu werden, dass sie sich fühlte, als ob eine andere Person ihren Körper kontrollierte. "Nun, rückwirkend muß ich zugeben, dass das Wetter sehr viel besser war. Zumindest konnte man etwas sehen," lächelte Sam nach draußen blickend. "Ich weiß, dass viel Zeit vergangen ist, Sam, aber ich wünschte du würdest nicht gehen," hallte plötzlich die Stimme ihres Bruders durch ihren Verstand. "Es ist eine Geschäftsreise, Tom, mach dir keine Sorgen darüber." Sam erinnerte sich an den Blick auf seinem Gesicht und spürte wie sich ihr Brustkorb zusammenzog. "Es gibt Leute da unten, entschuldige meine Ausdrucksweise, die dir vor einigen Jahren dein Leben völlig versaut haben. Was wenn...?" "Ich werde da nicht hingehen, Tom. Australien ist riesig und die Goldküste ist sehr überfüllt. Damals Mal waren sie nie dort, und sie werden dort nicht sein." "Ich verstehe immer noch nicht warum dich Dad gebeten hat dahin zu gehen. Er sollte es besser wissen..." "Ich habe mich freiwillig angeboten, Tom. Er kann eine solche Reise selbst nicht mehr unternehmen und ich weiß was der Urlaubsort ihm bedeutet. Ich weiß, dass es für dich gerade eine Kapitalanlage war, aber Mom und Dad haben eine besondere Verbindung zu dem Land. Außerdem habe ich da für mehrere Jahre gelebt. Ich kenne die australische Mentalität ein wenig. Sei ehrlich Bruder, ich bin die Beste für den Job." "Sei bitte vorsichtig, Schwesterherz." "Das werde ich, und ich liebe dich auch Tom." Nach diesen Worten brachte ihr Bruder schließlich schwaches Lächeln zustande. "In Ordnung, find nur heraus was im The Reef falsch läuft, hab eine schöne Zeit und komm schnell nach Hause zurück." Das unerwartete Bild eines freundlichen Gesichtes, umgeben von langem gelockten rotblondem Haar, in Verbindung mit einem paar ozeangrünen Augen mit goldenen Funken, ließ ihr Herz einen Takt überspringen. "Lass das sein, Sam," schalt sie sich selbst. "Es ist Vergangenheit. Es ist vorbei. Es ist eine Erinnerung und eines Tages wird sie verblassen. Wenn du es zulässt," fügte eine kleine leise Stimme hinzu. Sam verdrängte die melancholischen Gefühle, zuckte mit ihren Schultern und griff schnell nach einer Ausgabe der Financial Times. Stunden später war das Flugzeug, von Dunkelheit umgeben, irgendwo über den Indischen Ozean. Die meisten Passagiere schlummerten unter einer dünnen Decke. Es war ruhig. Das einzige Geräusch war das stetige Dröhnen der gewaltigen Maschinen, das irgendwie im Hintergrund verblasste, sobald man es ignorierte. Sam hatte ihren Sitz in eine Art Bett umgewandelt, aber sie konnte nicht schlafen. Ihre blauen Augen starrten entweder an die Decke oder aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich in eine samtene Dunkelheit verwandelt in der Millionen von Sternen und Sternbildern funkelten. Das Wasser des Ozeans war dunkel und es war nicht zu erkennen, wo das Land aufhörte und der Himmel begann. Gelegentlich verriet ein kleines Licht die Gegenwart eines Schiffes, das über die riesige Fläche des Wassers dahinschwamm. Ohne letztlich irgendeine Ablenkung zu haben, konnte Sam nicht verhindern, dass ihre Gedanken wieder in die Vergangenheit abschweiften. Dieses mal versuchte sie sich nicht dagegen zu wehren. Es war zu überwältigend, genau wie all die anderen Nächte, die sie, den Schlaf verdrängend, ruhelos damit verbracht hatte, einzig durch ihre Erinnerungen ihre Gesellschaft zu behalten. Mit einem Seufzer aus tiefstem Herzen schloss sie ihre Augen und ließ ihren Gedanken freien Lauf.
Schwer seufzend öffnete Sam ihre Augen. Es war nun acht Jahre her, aber sie konnte sich immer noch an diesen Tag erinnern, und sie musste ihre Augen nicht schließen, um das Bild von ihrer ersten Begegnung vor sich zu sehen.
Sie muss letztendlich eingeschlafen sein, weil Sam aufwachte als eine Hand ihre Schulter berührte und eine freundliche Stimme leise ihren Namen rief. "Ms. Stevens, in ungefähr einer halben Stunde werden wir auf dem Brisbane Flughafen landen. Vielleicht möchten sie sich ein wenig erfrischen. Es ist ein langer Flug gewesen." Leicht überrascht stellte Sam ihren Sitz in eine aufrechte Position zurück. "Oh... ja... natürlich... danke," stotterte sie noch leicht schlaftrunken. Sie warf einen Blick aus dem Fenster um einen hellblauen, klaren Himmel zu sehen. Die Erde hunderte Meter unter ihr hatte eine bräunlich grüne Farbe, mit dunkelgrünen Flecken von denen Sam wusste, dass es die Flüsse und Billabongs waren. Ab und zu wurde die brennende Sonne von dem Zinndach eines Hauses reflektiert, was den Eindruck eines glänzenden Diamanten in einem Meer von Gras vermittelte. Sam gähnte ein wenig als sie sich streckte um die Verspannung aus ihrem Rücken zu bekommen. "Autsch," sie zuckte zusammen als ein Gelenk mit einem Knacken an seinen Platz zurück rutschte. "Das geschieht dir recht, wenn du wie ein Baby einschläfst, Samantha Stevens. Erinnere dich, von dir wird erwartet dass du dir einen Plan ausdenkst, um herauszufinden wo das ganze Geld hingeht." Sam's Gedanken schweiften zu dem Dienstagmorgen vor einigen Wochen zurück. Ihr Vater hatte sie in ihrem Büro angerufen und sie gebeten an diesem Morgen bei ihm vorbeizukommen. Er war nicht alleine. Zwei Buchhalter und der Rechtsanwalt der Gesellschaft waren auch anwesend. In seiner Art, nicht um den heißen Brei zu reden , hatte Richard Stevens seiner Tochter seine Bedenken über das The Reef mitgeteilt. Er hatte den Verdacht das dort eine Misswirtschaft betrieben wurde, da es so schien, als ob in regelmäßigen Abständen große Geldsummen verschwanden. "Einer von unseren Mitarbeitern da unten hat mir eine E-Mail gesandt und mich darüber informiert, dass die Dinge dort falsch laufen. Ich will wissen was dort vor sich geht, Samantha. Jemand muss da runter gehen und einen Blick in die Bücher werfen." "Aber... kann das nicht derjenige tun der dich informiert hat? Offensichtlich weiß er bereits Dinge die wir nicht wissen." "Es war anonym." Das war der Augenblick als Sam sich angeboten hatte, weil sie wusste, dass ihr Vater genau das von ihr erwartete. Innerhalb weniger Tage waren die Anordnungen für ihren Flug nach Australien gemacht. Ihre Sekretärin hatte ihr unter einem anderen Namen ein Zimmer im The Reef gebucht. "Wie soll ich das durchziehen?" Sam runzelte ihre Stirn. "Ich bin sicher, dass sie eine Art von ID haben wollen." "Sie wissen, dass sie jemand von der Gesellschaft besuchen wird," erklärte ihr Vater. "Sie werden nur nicht erwarten, dass du kommst. Du erhältst eine Gesellschafts-ID unter dem Namen Jennifer DeWitt." "Klingt wie in einem billigen Krimi," hatte Sam gemurmelt. "Hör auf zu schmollen, Sam," hatte Richard Stevens gegrollt. "Es ist zu deinem eigenen Schutz. Glaubst du ich habe vergessen was vor einigen Jahren geschehen ist." "Dad," hatte Sam geseufzt. "Das ist Vergangenheit. Ich bin sicher, dass ich ihnen nicht begegnen werde..." "Samantha, bitte." Und widerwillig hatte Sam zugestimmt. Sam brauchte nicht lange um durch den Zoll zu kommen. Sobald geklärt war, dass sie nichts zu verzollen hatte, stempelte der Zollbeamte ihren Pass. Mit einem echten Lächeln reichte er ihr das Dokument zurück. "Willkommen in Australien, Miss Stevens." "Danke," lächelte Sam. "Es ist schön zurück zu sein." Im Flughafen herrschte rege Aktivität. Sie schlenderte durch Schlangen von geduldig wartenden Reisenden und wich Leuten aus die in Eile waren um wahrscheinlich ihren Flug rechtzeitig zu erreichen. In drei Sprachen informierte eine blecherne Stimme das farbenfreudige Publikum über Abflugsteige und Flugnummern. Die Klimatisierung würdigend schlenderte Sam langsam zum Ausgang. Sie wusste, die Hitze würde sie wie ein heißer Wasserfall überrollen, sobald sie einen Fuß außerhalb des Gebäudes setzte. Und das tat es. Sam nahm einen tiefen Atemzug und fühlte wie die warme Luft ihre Lungen füllte. Sie fuhr mit ihren Fingern durch ihr lockiges, widerspenstiges Haar und da sie schließlich noch ihren Bestimmungsort erreichen musste, sah sich nach einem Taxi um. Ihre Augen fielen auf ein Taxi das im Schatten parkte und mit einem Grinsen ging sie zu der Fahrerin, eine große, magere Frau, wahrscheinlich um die Mitte vierzig. "Müssen sie irgendwo hin, Mädchen?" "Tatsächlich, so ist es," lächelte Sam. "Falls es kein Problem ist, muss ich nach Kurrawa, Broadbeach." Die Fahrerin nickte, nahm Sam's Koffer und Taschen und öffnete den Kofferraum. "Steigen sie einfach ein. Ich fahre gern den Highway an der Goldküste entlang. Wohin gehen sie?" "The Reef." "Ferien?" "Nun, lassen sie mich es so sagen, es ist eine Kombination aus Geschäft und Vergnügen." Die Fahrerin setzte sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor an. Sofort wurde der Wagen mit einem herrlich kühlen Luftstrom erfüllt. "Ah, das ist großartig," seufzte Sam. Die Fahrerin lächelte und warf einen Blick in ihren Rückspiegel. "Sie sind keine Australierin, oder doch?" "Was hat mich verraten?" Fragte Sam grinsend. "Ihre Sonnenbräune," kicherte die Fahrerin. "Oder vielmehr der Mangel daran. Sind sie aus Europa?" "Holländerin," antwortete Sam und lehnte ihren Kopf gegen das kühle Leder des Sitzes. Zwei Augenbrauen zogen sich in die Höhe. "Mit Sicherheit klingen sie nicht so. Sie hätten mich reinlegen können, Mädchen, sie haben keinen Akzent. Ich dachte sie wären ein Pom," gab sie zu als sie den Nicknamen für britische Staatsbürger benutzte. "Mein Vater ist Engländer," erklärte Sam. "Aber nachdem er meine Mutter geheiratet hatte sind sie in die Niederlande gezogen. Meine Mutter ist Holländerin." Während sie die Unterhaltung belanglos und gelegentlich lustig weiterführten, manövrierte die Fahrerin geschickt durch den Nachmittag Verkehr. Sam genoss es wirklich und bevor sie es wusste kamen sie an ihrem Bestimmungsort an. Die Fahrerin holte das Gepäck aus dem Kofferraum und gestikulierte zum Eingang. "Brauchen sie Hilfe?" "Nein danke, ich werde zurecht kommen," antwortete Sam, zog einige farbenfrohe Dollarscheine aus ihrer Brieftasche und reichte sie hinüber. "Ich wünsche ihnen einen schönen Tag." "Ihnen auch, Mädchen. Genießen sie es und passen sie auf sich auf." Sam drehte sich herum, und warf einen langen Blick auf das The Reef. Das Gebäude war nur drei Stockwerke hoch, aber sehr breit. An jeder Seite des Einganges war ein Gebäudeflügel der die Fläche eines halben Fußballfeldes abdeckte. "Oha, ich habe nicht geglaubt das es so groß ist," grübelte Sam. "Die Bilder werden dem sicherlich nicht gerecht. Aber andererseits hätte ich es wissen sollen, es hat immerhin dreihundert Zimmer. Eine ganz schöne Anlage, Dad." Durch den Eingang, der größtenteils aus Stahl und Glas gebaut war, konnte sie den Privatstrand, der an den Pazifischen Ozean grenzte, hinter dem Komplex sehen. Nachdem sie ihren Bestimmungsort, nach einem Flug der über vierundzwanzig Stunden dauerte, erreicht hatte, fühlte sich Sam plötzlich sehr müde, und der Gedanke an eine ausgedehnte Dusche, ein leichtes Essen und ein weiches Bett, ließen sie nach ihren Taschen greifen und zu den gewaltigen Türen gehen. Der mit großen Pflanzen dekorierte Haupteingang war hell und kühl, und ließ den Ort eher wie einen botanischen Garten als die Empfangshalle eines Hotels aussehen. Das Zentrum passierend ging Sam an einem Springbrunnen vorbei und warf einen würdigenden Blick auf die Wasserlilie neben dem Rand. Sie war zartrosa umgeben von dunkelgrünen Blättern und die Sonnenstrahlen die sich in den winzigen Wassertropfen fingen glitzerten wie Silber. "Guten Tag, kann ich ihnen helfen?" Erklang eine kultivierte Männerstimme als Sam die Rezeption erreichte. Sam blickte auf den jungen Angestellten und mit einem müden Lächeln auf ihrem Gesicht nickte sie. "Ich habe ein Zimmer reserviert. Mein Name ist S... Jennifer DeWitt. Ich komme von der Stevens Gesellschaft." "Miss DeWitt." Er gab ihren Namen in den Computer ein. "Ja. Hier sind sie. Kann ich bitte ihre Gesellschafts-ID sehen?" Nun gut, das läuft ja ganz gut. "Natürlich. Hier nehmen sie." Sam gab dem Angestellten ihre falsche ID und er kontrollierte die Personalnummer. "Danke, Miss," sagte er als er ihr die Karte zurückgab. "Sie haben Zimmer 315. Es ist in der dritten Etage die Geschäftsführer Suite. Ich werde ihnen jemanden mitgeben der ihr Gepäck tragen wird. Wenn sie irgendetwas benötigen, dann fragen sie einfach," er lächelte. "Willkommen im The Reef." Sam erwiderte das Lächeln und nahm die Keycard die er ihr reichte. Das Telefon läutete und der Angestellte nahm es ab. Sam erkannte das es ein interner Anruf war. "Entschuldigen sie, Miss DeWitt," bat er um Verzeihung. "Hallo, hier ist Brian... Ja... ja... natürlich. Nein, ich hatte noch keine Zeit dafür. Ich könnte es heraufbringen wenn ich... oh... das ist in Ordnung. Danke. Auf Wiederhören." Er winkte einen, mit einem gelben Hemd und dunkelblauen Shorts bekleideten, jungen Laufburschen heran. "Pete, würdest du bitte Miss DeWitt zur Geschäftsführer Suite führen?" Der junge Laufbursche schoss einen neugierigen Blick zu Sam, und sie konnte beinahe sein Gehirn arbeiten sehen, bei dem Versuch herauszufinden, warum jemand der wie ein Tourist gekleidet war, wichtig genug war, die Geschäftsführer Suite zu bewohnen. Sam folgte ihm schweigend zum Fahrstuhl und innerhalb weniger Minuten gingen sie um die Ecke des Geschäftsführerflügels. Wenn sie nicht so müde gewesen wäre hätte sie den Zusammenstoss vermeiden können. Doch durch ihre Erschöpfung achtete sie nicht auf ihre Umgebung. Mit einem hörbaren Plumps krachte sie in jemanden, der gerade aus der gegenüberliegenden Richtung um die gleiche Ecke kam. Augenblicklich flog Papier in alle Richtungen und Sam murmelte einen Fluch. "Es tut mir leid," entschuldigte sie sich schnell während sie sich hinunterbeugte um die Seiten aufzuheben. "Es war wohl mein Fehler, ich habe nicht aufgepasst." Ein heftiges Einatmen ließ sie ihre Arbeit unterbrechen und sie blickte besorgt auf. "Ich hoffe ich habe sie nicht verletzt......" Ihre Augen wanderten an einem schlanken, sehr femininen Körper hinauf und weiteten sich bei dem Anblick des sehr bekannten Gesichtes. Dieses rotblonde Haar und ein paar smaragdgrüne Augen entsprachen genau dem, an was sie sich erinnern konnte. Nur jetzt strahlten sie eine Mischung aus Angst, Freude und Zweifel aus. "Sam?" Flüsterte Jody während sie ihre Hände umklammerte um das Zittern zu stoppen. Es dauerte nur einige Sekunden, aber in dieser kurzen Zeit liefen zahllose Gedanken durch Sam's Verstand. Ihr erster Instinkt sagte ihr aufzuspringen und davonzulaufen aber ihr Körper war am Platz festgefroren. Mein Gott, sie muss hier arbeiten. Was mach ich jetzt? Soll ich ihr erklären was ich hier mache? Nein, das kann ich nicht tun, ich habe mich gerade unter einer falschen ID eingetragen. Aber warum sollte mich das interessieren? Meinem Vater gehört das verdammte Gebäude. Ich kann meine Tarnung nicht aufdecken. Wenn ich mich so reden höre, klinge ich wie eine Art von Privatdetektiv. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich führe besser meinen ursprünglichen Plan aus. Verdammt, verdammt, verdammt. Sam hob den Papierstapel auf und kam langsam auf ihre Füße. "Sam?" Wiederholte Jody mit emotionsgeladener Stimme. Aus ihrem Augenwinkel konnte Sam den Hotelboy geduldig vor einer Tür warten sehen, der äußerst neugierig die Szene beobachtete. "Es tut mir leid. Sie müssen mich mit jemanden verwechseln. Mein Name ist Jennifer DeWitt," sagte sie leise ohne Jody ins Gesicht sehen zu können. Schweigend reichte sie den Papierstapel zurück, und wünschte sich nichts sehnlicher als das der Boden sich öffnen und sie darin vollständig versinken würde. Es geschah nicht. Zögernd nahm Jody das nun sehr ungeordnete Dokument entgegen und presste es gegen ihre Brust. Eine schmerzhafte Stille entstand. Schließlich wagte Sam sie anzublicken und augenblicklich wurden ihre blauen Augen von ein paar grünen gefangengenommen, die beinahe durch sie hindurchblickten und ihre Lügen bereits aufdeckten. Sam fühlte sich sehr befangen und schuldig. Es schien Stunden zu dauern, aber es waren nur Sekunden, bevor Jody wieder sprach. "Mein Fehler, es tut mir leid. Ich dachte sie wären eine alte Freundin." Klar, und ich bin die Königin von Sheba. Ihre Stimme war sanft, aber Sam konnte eindeutig die Qual und den Schmerz hören. Für einen kurzen Augenblick schloss sie ihre Augen, und die Vergangenheit mit dem Gefühl der bekannten Wogen von Traurigkeit, Zorn und Verlangen kam zurück. Oh Gott, Jody. Warum musste ich von all den Leuten gerade in dich rennen. Es tut mir leid. Es tut mir so leid. "Miss DeWitt. Ich hoffe, dass sie den Aufenthalt bei uns genießen werden." Jody drehte sich herum und verschwand um die Ecke. Sie ließ Sam zurück die mit ihrer hämmernden Brust kämpfte und versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Sam bemerkte all den Luxus in der Geschäftsführer Suite nicht. Sie ließ sich einfach auf das Bett fallen und starrte an die Decke bei dem Versuch den Tumult ihrer Gefühle in den Griff zu bekommen. Sie durchlebte noch einmal was gerade geschehen war. "Ich Glückspilz," grübelte sie mit einem süßsauren Gesicht. "Gerade angekommen und bereits mit der Vergangenheit konfrontiert. Wenn dies ein Vorzeichen ist, dann wird mein Aufenthalt hier ein schwieriger werden." Sie weiß es, natürlich weiß sie es. Ich könnte sie niemals zum Narren halten. Jennifer DeWitt, klar, richtig! Es ist acht Jahre her, aber ich habe mich nicht sehr verändert, außer, dass ich schließlich erwachsen geworden bin. Sie sieht immer noch gleich aus, reifer und... Gott sie ist immer noch großartig. Nicht das ich etwas anderes erwartet habe. Ich frage mich ob es jemand in ihrem Leben gibt, der... Sam seufzte und schob sich an den Rand des Bettes da sie wirklich eine Dusche brauchte. "Hör auf mit der Vergangenheit, Sam," sagte sie mit finsterem Gesicht. "Vergiss es, vergiss es einfach."
Als sie aus Sam's Sichtweite war, lehnte sich Jody gegen die Wand und versuchte zu Atem zu kommen. Ihre Hände zitterten noch immer und sie brauchte ihre ganze Stärke und Willenskraft um sich zu beruhigen. Sie musste ihre Augen nicht schließen um sich an den schockierten und verwirrten Blick auf Sam's Gesicht zu erinnern, als diese realisierte mit wem sie zusammengestoßen war. Mein eigener Blick muss ein Spiegelbild davon gewesen sein. Mit immer noch kalten und zitternden Händen schob Jody ihr langes Haar zurück während sie krampfhaft versuchte herauszufinden was sie tun sollte. Beruhige dich, McDonnell. Denk einfach nach. Warum benutzt sie einen anderen Namen? Nun, wahrscheinlich will sie nicht erkannt werden, schließlich ist sie Sam Stevens, die Tochter von der Stevens Inc. Ich frage mich ob sie diejenige ist.... Jody fühlte wie sich ihr Herzschlag verlangsamte und ihre Atmung wieder normal wurde. Sie drückte sich von der Wand ab, ging schnell in ihr Büro zurück und schloss die Tür hinter sich. Sie ging zu ihrem Schreibtisch nahm den Telefonhörer und wählte eine bekannte Nummer. "Meg? Ich bin es, Jody." "Hey, Jody!" Begrüßte sie eine freundliche Stimme was ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen ließ. "Sarah und ich haben gerade über dich gesprochen. Wir haben dich seit einer Weile nicht gesehen. Hast du viel gearbeitet?" "Sehr viel," seufzte Jody. "Hier kann manchmal sehr hektisch sein." "Ich versteh das nicht Jo," Megan's Stimme klang nun sehr ernst. "Du bist die Assistenz-Managerin, aber du schmeißt den verdammten Laden, während dein Chef das Lob und das Geld dafür bekommt. Er ist kaum da, oder nicht?" "Nein, ist er nicht, aber ich hoffe, dass sich das bald ändern wird." "Mmm, du klingst gestresst. Was ist los?" Jody klopfte mit ihren Fingern nervös auf den Schreibtisch und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. "Jo?" "Es ist... es kam heute jemand vom Hauptbüro an." "Nun, das ist gut, oder nicht? Sie müssen deine Nachricht ernst genommen haben, wenn sie jemanden über den halben Globus schicken um die Dinge zu kontrollieren. Hat er bereits mit dir gesprochen?" "Megan, du bist eine Sexistin, ich habe nie gesagt, dass es ein er ist," bemerkte Jody lächelnd. "Dann muss es eine sie sein," kicherte Megan. "Die Auswahl war ja nicht mehr groß. Nun, hat sie?" "Du wirst es nicht glauben, Meg. Es ist die Tochter vom Chef selbst." "Nein," keuchte Megan. "Sam? Sie haben Sam geschickt? Oh mein Gott, Jody. Bist du in Ordnung?" "Ich weiß es nicht, Meg," seufzte Jody, die plötzlich sehr müde klang. "Es ist... manchmal habe ich versucht mir vorzustellen wie es sein würde ihr wieder zu begegnen, aber... ich habe nie gedacht, dass es wirklich geschehen würde. Ich dachte, dass ich die Vergangenheit hinter mich gelassen habe, aber... ich war darauf so unvorbereitet. Sie benutzt einen anderen Namen, aber ich konnte ihr ansehen, dass sie wusste, dass ich ihr nicht geglaubt habe, obwohl ich darauf eingegangen bin." "Warum sollte sie das tun?" "Nun ja, wenn sie wirklich hergekommen ist um die Dinge zu kontrollieren, glaube ich nicht, dass sie will, das jemand weiß, dass die Tochter von der Stevens Inc. sich in dem Hotel umsieht." "Sie weiß, dass du es nun weißt. Glaubst du, dass sie deswegen etwas unternehmen wird?" "Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht ob sie mir vertraut." "Jody," Megan's Stimme klang nun vorwurfsvoll. "Tu dir das nicht an. Du verdienst das nicht und du weißt das." "Sicher, nun gut, ich denke, ich werde einfach warten wie sich die Dinge entwickeln." "Klar, lass sie den ersten Zug machen. Falls sich die Dinge zuspitzen kannst du jederzeit kündigen und für mich arbeiten. Meine Buchhandlung könnte wirklich einen guten Assistenz-Manager gebrauchen." Jody lachte und konnte fühlen wie ihr Körper sich etwas entspannte. Megan war eine gute Freundin und sie konnte immer darauf zählen, dass sie etwas tat damit sie sich besser fühlte. "Hör zu Jo, Sarah hier gibt mir Handzeichen, und wenn ich sie richtig verstehe, will sie, dass du herüberkommst. Kannst du früher gehen?" "Nee, ich erwarte eine Gruppe Japaner die jederzeit eintreffen können, aber ich würde gerne kommen nachdem sie sich angemeldet haben." "In Ordnung, abgemacht. Wir werden dich dann in ein paar Stunden sehen. Pass auf dich auf meine Freundin, lass dich von denen nicht unterkriegen." "Das werde ich nicht," lächelte Jody. Zumindest werde ich es versuchen.
Als Jody an diesem Abend in ihrer Wohnung ankam warf sie ihre Schlüssel auf den Tisch und ließ sich einfach erschöpft auf die Couch fallen. Das Abendessen mit Megan und Sarah war eine vergnügliche Angelegenheit gewesen und das Paar hatte es sogar geschafft, dass sich Jody für eine Weile entspannte und die bevorstehende, unvermeidliche Konfrontation mit Sam vergaß. Sie schätzte ihre Freundschaft mit Megan und war äußerst dankbar, dass sie nach dem Ende ihrer Liebesbeziehung fähig waren Freundinnen zu bleiben. Die Wahrheit war, dass sie bessere Freundinnen als Geliebte waren, so hatten sie vor einigen Jahren beschlossen das Erstere zu bleiben und das Letztere zu beenden. Es war eine gute Entscheidung gewesen, weil ihre Freundschaft sich vertieft hatte und sie sich nun sogar besser verstanden als vorher. Aus ihrem Augenwinkel sah Jody das rot blinkende Licht ihres Anrufbeantworters und mit einem Brummen schlug sie auf die Taste. "Hey Schwesterherz, ich bin's," Lucy's Stimme schallte durch den Raum und Jody lächelte. "Erzähl mir nicht, dass du wieder so spät am Abend arbeitest! Du bist eine Schande für unsere faule Familie! Hör zu, ich muss mit dir reden. Ich bin heute Abend zu Hause, wenn du also etwas von deiner kostbaren Zeit opfern kannst, dann würde ich später sehr gerne mit dir reden." Jody grinste noch immer als sie die Kurzwahl ihrer Schwester wählte. "Hey Sommersprosse, was ist los?" "Hi Fremde. Lange nicht gesehen. Was machst du? Arbeitest du zwanzig Stunden am Tag oder was?" "Ich bin vielleicht verrückt, Luce, aber ich bin nicht übergeschnappt. Ich war bei Meg und Sarah." "Aha, das erklärt deine Abwesenheit. Ich hab' dich mehrmals angerufen und schließlich hab ich's aufgeben und mit deiner Maschine geredet. Ich hasse diese Dinger. Wie geht es dir? Ich habe eine Zeitlang nicht mehr mit dir gesprochen." "Es sind nur ein paar Tage gewesen Lucy, und es geht mir... gut." "Hört sich nicht gerade überzeugend an. Was ist los?" Jody überlegte kurz es ihrer Schwester nicht zu sagen, aber dann entschied sie sich ehrlich zu sein. Schließlich waren Lucy und Sam auch gute Freundinnen gewesen. "Hör zu Luce, es ist heute etwas passiert und ich..." "Bist du in Ordnung Jo? Du klingst... ich weiß nicht... verwirrt?" Erkundigte sich Lucy leicht aufgeschreckt. "Mir geht's gut, es ist nur... Sam ist im The Reef aufgetaucht ," ließ sie unverblümt die Bombe platzen. Jody konnte ihre Schwester keuchen hören und dann war es totenstill. "Luce?" "Ich bin noch dran." Jody hörte wie ihre Schwester ausatmete. "Oh mein Gott, Jody. Wie ist das geschehen? Macht sie hier Urlaub? Hast du mit ihr gesprochen? Wie geht es ihr?" Jody erzählte ihrer Schwester, ohne ein Detail auszulassen, was geschehen war und schließlich seufzte Lucy. "Oh Mann, das muss eine schwierige Arbeit für sie sein. Ich glaube kaum, dass sie erwartet hatte dich dort vorzufinden, sie haben die Anlage erst vor einem Jahr übernommen, oder nicht? Und wie lange bist du da? Drei Jahre? Gott Jo, ich wünschte ich könnte hinüber gehen und mit ihr reden. Wie du weißt vermisse ich sie noch immer. Sie war eine gute Freundin." Ihre Stimme war sanft und von Traurigkeit erfüllt. "Wenn Dad herausfindet, dass sie hier ist, wird er ausflippen." "Sei nicht besorgt Schwesterherz, ich werde es ihm nicht erzählen. Ich wünschte nur... schon gut." "Du kannst die Vergangenheit nicht verändern, Lucy. Du kannst mir glauben, ich hätte es getan." "Ich weiß Jo, aber du wirst mich nicht davon abbringen, dass ich immer noch überzeugt davon bin, dass uns niemals die wirkliche Geschichte erzählt worden ist. Da gibt es zu viele offene Fragen. Wie hast du es verkraftet, auf diese Art mit ihr zusammenzustoßen?" Jody runzelte ihr Stirn und legte ihre Füße auf den Couchtisch während sie über die Frage nachdachte. "Ich habe festgestellt, dass es da noch eine Menge ungelöste Fragen gibt," antwortete sie aufrichtig. "Ich bin verwirrt Lucy, im Augenblick weiß ich nicht was ich denken soll oder was ich fühle." "Das hört sich bekannt an," antwortete sie trocken.
Als Sam am anderen Tag von einem unruhigen Schlaf aufwachte war es noch früh. Obwohl sie die Nacht durchgeschlafen hatte fühlte sie sich immer noch müde und sie überlegte kurz ob sie sich nochmal in das bequeme Bett kuscheln sollte. Sie warf einen Blick auf den Wecker. "7:30 Uhr," seufzte sie. "Nun ja, ich denke, dass es jedenfalls eine angemessene Uhrzeit zum Aufstehen ist. Besser ich stehe auf." Sie trottete zum Badezimmer und um wach zu werden spritzte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigte ihr ein blasses Gesicht mit zerzaustem Haar und dunklen Schatten unter ein paar klaren blauen Augen. "Ich sehe wie aufgewärmter Tod aus," murrte sie und klopfte ihr Gesicht um eine gesündere Gesichtsfarbe zu bekommen. "Vergiss es, es funktioniert nicht." Während sie ihre Zähne putzte hörte sie ihren Magen knurren und sie entschied, dass ihr erster Halt an einem Ort sein würde, wo es ein anständiges Frühstück gab. Bevor sie sich letzte Nacht schlafen legte, hatte sie beschlossen, dass sie Jody alles sagen würde. Zu diesem Zeitpunkt schien es das anständigste zu sein was sie tun konnte, aber nun, als sie realisierte, dass diese Konfrontation in einer Stunde sein würde, überlegte sie noch einmal. Vielleicht ist Jody einer von den faulen Äpfeln die ich herausgesucht habe. Dieser Gedanke ließ sie lächeln und sie schüttelte ihren Kopf. Das glaubst du selber nicht, Samantha Stevens. Sei ehrlich. Sie ist die ehrlichste Person die du in deinem ganzen Leben getroffen hast. Lass es darauf ankommen und sie wird es dir beweisen. Beim letzten Blick in den Spiegel zog Sam ein böses Gesicht, dann nahm sie ihre Keycard und ging aus dem Raum hinaus. Die Geschäftsführer Suite befand sich am Ende eines langen Flures mit einigen Büros auf beiden Seiten. Während sie daran vorbei ging las sie die Beschriftung auf den Türen. Personal, Finanzverwaltung, Management. "Ich frage mich, hinter welchem Büro sich Jody verbirgt," überlegte Sam als sie um die Ecke zum Fahrstuhl ging. Sie musste eine Vollbremsung machen um nicht mit jemandem zusammenzustoßen. "Miss....DeWitt," Jody's Stimme war so gefühllos und reserviert, das Sam zusammenzuckte. "Das wird für uns zu einer Gewohnheit," scherzte Sam nervös. "Vielleicht sollten wir eine Vereinbarung treffen, ich werde auf der rechten Seite gehen und sie bleiben auf der Linken." Jody verzog ihre Lippen und als sie sah, dass Sam sich nicht bewegte begann sie, um sie herumzugehen. Nein, nein Jody, komm schon, bitte. Helf' mir dabei. "Jody....bitte." Sam's Stimme klang angespannt und ihre Worte hörten sich flehend an. Jody blieb stehen und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Sie wartete. Langsam drehte sich Sam um, damit sie die Frau ansehen konnte die neben ihr stand, und wenn Jody aufgeblickt hätte, dann hätte sie den Blick völliger Bekümmernis in diesen klaren blauen Augen gesehen. Aber Jody's Augen klebten immer noch auf der Wand und als Sam fähig war ihre Fassung zurückzugewinnen, sah ihr Gesichtsausdruck etwas weniger gepeinigt aus. Sam's Mund war sehr trocken und sie schluckte hart während sie schnell ihre Lippen befeuchtete. "Es tut mir wegen gestern leid," begann Sam, vorsichtig ihre Worte wählend. "Ich... ich hatte... unrecht... dich auf diese Art abzuwimmeln. Ich war nur... so bestürzt dich hier zu sehen, ich... es tut mir wirklich leid." Jody drehte sich schließlich um und zum ersten Mal seit acht Jahren sahen sie sich intensiv an. Der gefühllose Ausdruck in den grünen Augen verblasste und hinterließ einen Schatten von Schmerz und Traurigkeit. Jody räusperte sich und blickte in ein paar Augen die Erinnerungen zurückbrachten, die sie jahrelang versucht hatte zu vergessen. "Warum die Namensänderung?" "Ich werde es erklären, aber nicht hier. Ich muss dich privat sprechen. Vielleicht sollten wir in mein Zimmer zurückgehen, falls du damit einverstanden bist," fügte Sam schnell hinzu. Jody nickte und folgte Sam schweigend zurück zur Geschäftsführer Suite. "Setzt dich," lud Sam sie ein, während sie nervös mit ihrer Keycard spielte. Aus dem Augenwinkel konnte Jody sehen wie Sam herumzappelte, und trotz aller offenen Fragen zwischen ihnen, hatte sie Mitleid mit ihr. "Hast du schon etwas gegessen?" Fragte sie, als sie sich an Sam's Probleme mit ihrem zu niedrigem Blutzucker erinnerte. "Oh... tatsächlich war ich gerade..." "Darf ich dein Telefon benutzen?" Ohne die Erlaubnis abzuwarten nahm Jody den Telefonhörer und wählte eine dreistellige Nummer. "Guten Morgen Carlos, hier ist Jody. Könnten sie bitte ein Reef Spezial-Frühstück mit etwas Kaffee und Saft auf Zimmer 315 schicken?...Danke Carlos, auf Wiederhören." "Ein Reef Spezial-Frühstück?" Wiederholte Sam. "Das hört sich... ähm... lecker an." Jody's Gesicht verlor etwas von seiner Anspannung und tatsächlich lächelte sie. "Du wirst es mögen," sagte sie, als sie sich an Sam's Vorliebe für süße Brötchen erinnerte. "Also, erklär es mir." Jody blieb vollkommen sachlich wobei sie nicht bemerkte, dass gerade dies Sam nervös machte. "Es könnte eine lange Geschichte werden, aber ich kenne noch nicht alle Details, also werde ich mich kurz fassen." In einer ziemlich tonlosen Stimme erzählte sie Jody den Grund für ihre Gegenwart, wobei sie die jüngere Frau intensiv beobachtete während sie sprach. Jody's Gesicht blieb ausdruckslos und gab Sam keinerlei Anhaltspunkte was für eine Reaktion sie zu erwarten hatte. Als sie mit ihrer Geschichte zuende war meldete ein Klopfen an der Tür ihr Frühstück an, und Sam sprang auf um zu öffnen. Ein Tablett mit einer Auswahl von verschiedenen Frühstücksgerichten wurde auf den Tisch gestellt, und Jody sah wie sich Sam's Augen weiteten, als sie die frisch gebackenen süßen Brötchen sah. Sie musste sich auf ihre Lippen beißen um nicht zu lächeln. Nein, in dieser Hinsicht hatte sich nichts verändert. "Möchtest du etwas Kaffee?" Bot Sam an. "Danke." Schweigend studierte sie Sam, während sie sich fragte warum sie sich so unbeschwert fühlte. Es waren acht Jahre vergangen. So viele Dinge waren geschehen, sie sollte immer noch auf Erklärungen beharren. Aber diesen blonden Kopf mit den lockigen, stets strubbligen Haaren, und diese vertrauten blauen Augen, umgeben von überraschend dunklen Wimpern, sehend, realisierte sie, dass da noch eine Art von Verbindung tief in ihrem Inneren war. "Warum erzählst du mir das alles?" Fragte Jody schließlich, mit unerwartet freundlicher Stimme. "Ich meine, wenn da seltsame Dinge vor sich gehen, dann könnte ich daran beteiligt sein." Blaue Augen blickten sie aufmerksam an und Sam schüttelte ihren Kopf. "Nicht du," äußerte sie einfach. "Bedeutet dies, dass du mir vertraust?" "Das tu ich," antwortete Sam während sie ihr einen Blick zuwarf. "Ich habe sogar den Verdacht, dass du diejenige warst, die diese E-Mail gesandt hat." Ihre Augen forderten Jody heraus, die darauf nicht gefasst war und erschrocken wegblickte. "Nun," Jody trank einen kleinen Schluck Kaffee um etwas Zeit herauszuschinden und ihre Gedanken ordnen zu können. "Ich... ähm... Nun ja, ich war es tatsächlich." "Warum?" Jody entschied sich, dass diese neugierig blickenden blauen Augen, eine zu große Ablenkung waren, sprang daher auf und ging zum Fenster. Den schönen Ausblick auf einen klaren azurblauen Ozean nahm sie nicht wahr, als sie sorgfältig ihre Worte wählte. "Ich... dachte dass... Vor ungefähr drei Jahren begann ich für Alex Livingston, den Vorbesitzer, zu arbeiten, und alles hier war einfach perfekt organisiert. Zu Beginn arbeitete ich an der Rezeption, aber Alex hatte andere Pläne für mich. Er wollte, dass ich die Assistenz-Managerin werde, also wurde ich nach sechs Monaten befördert. Kurz danach verkaufte Alex das The Reef an die Stevens Inc. Sie stellten einen neuen Manager ein, und soweit ich weiß sollten die Geschäfte so fortgeführt werden wie vorher." Jody lehnte sich mit ihrer Hüfte gegen den Fenstersims und starrte in die Ferne. Die frühe Morgensonne hob den rötlichen Ton in ihrem Haar hervor und ließ es in einem warmen, tiefen Orange leuchten. "Und das taten sie auch, zumindest in der ersten Zeit," fuhr sie fort. "Jedoch bemerkte ich vor kurzem, dass einige Dinge keinen Sinn ergaben, wie zum Beispiel... die Buchhaltung, die Zahlen stimmten einfach nicht. Ich fragte deswegen bei William nach, aber er sagte mir, dass ich mir keine Sorgen machen solle, da er sich darum kümmern würde. Vor zwei Monaten stellte ich fest, dass er es nicht getan hatte." Jody drehte sich mit einem nachdenklichen Blick um. "Verstehe mich hier nicht falsch Sam, ich will ihn nicht verleumden, aber... er lässt sich hier kaum sehen und wenn er hier ist, dann weiß niemand was er macht. Er kommt und geht aufs Geratewohl, immer ist er auf Konferenzen und ich höre nie etwas darüber. Vor einigen Wochen war er angeblich auf einer Konferenz in Brisbane. Ich musste mit ihm reden, also hab ich angerufen, aber er war nicht anwesend. Er war auch nicht auf seinem Handy zu erreichen, also hinterließ ich eine Nachricht. Er hat niemals zurückgerufen und als er schließlich zurückkam, schwärmte er über die interessante Konferenz, ich bin sicher, dass er nicht mal dort war." Sam biss sich auf ihre Innenlippe, Jody erinnerte sich, dass es eine Angewohnheit von ihr war, wenn sie etwas belästigte. "Du realisierst, dass das, was du sagst sehr ernst ist, richtig?" Jody nickte und starrte auf den Teppich. "Du begreifst auch, dass ich etwas Konkretes brauche, wenn ich ihn festnageln will." "Ich habe zu den meisten Computerdateien Zugriff, ich könnte sie dir zeigen, vielleicht kannst du rauskriegen was nicht stimmt." "Glaubst du, dass es nur um Geld geht?" "Ich befürchte nicht," seufzte Jody. "Letzte Woche fand ich heraus, dass er illegale Einwanderer einstellt. Er zahlt ihnen die Hälfte des normalen Lohnes. Ich kann nur raten was er mit dem Rest macht." Sam setzte sich plötzlich sehr beunruhigt auf. "Illegale Einwanderer? Bist du dir sicher? Er könnte uns damit eine Menge Ärger verursachen." "Ich weiß, dass ist der Grund warum ich mich schließlich entschieden habe zu versuchen etwas dagegen zu unternehmen." "Indem du diese E-Mail abgeschickt hast?" Jody schob ihr Haar aus ihrem Gesicht, setzte sich wieder in den Sessel und trank ihren Kaffee aus. "Warum anonym?" Sie hatte diese Frage erwartet, aber die Antwort war noch immer schwierig. Sie war für eine Minute still. Als sie schließlich antwortete, war ihre Stimme so leise, dass Sam sich anstrengen musste um sie zu verstehen. "Ich wollte nicht, dass deine Familie erfährt, dass ich hier arbeite. Ich habe gehofft, sie würden jemand zur Untersuchung hierher schicken und ich erwartete einen der Buchhalter. Nicht die Tochter vom Boss. Ich... ähm... ich wollte keine... alten Geschichten aus der Vergangenheit aufwärmen." Sam blickte zu der Frau vor ihr und als sie die Bedeutung der Worte realisierte, fühlte sie, wie sich Knoten in ihrem Magen bildeten. "Also, da gibt es nichts aufzuwärmen, oder doch?" Sie hatte nicht so gefühllos und bitter klingen wollen, aber irgendwie schaffte sie es nicht, ihre Gefühle nicht in den Worten mitschwingen zu lassen. Jody blickte auf, der Klang von Sam's Stimme traf sie hart. Sie fühlte wie sich ihr Magen zusammenzog und sie schluckte schwer um die plötzliche Übelkeit zu unterdrücken. Für einen langen Augenblick erfüllte, wie ein entferntes Flüstern, nur der unaufhörlich beruhigende Klang des Ozeans den Raum.
"Jody, ich hasse es diejenige zu sein die dir das sagt," brach Sam schließlich das Schweigen. "Aber die Vergangenheit ist ein Teil von uns, ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich kann es nicht verdrängen. Gott weiß wie sehr ich es versucht habe." "Bei mir ist es das Gleiche," gab Jody zu. "Aber es gibt keinen Grund daran festzuhängen, oder doch?" Sie blickte zu Sam die steif ihren Kaffee umrührte um ihre Besorgnis zu verbergen und wieder wurde sie von ihren gegensätzlichen Empfindungen überrascht. Ein Teil von ihr wollte alle schlechten Erinnerungen und den Schmerz den sie gelitten hatte vergessen, aber der andere Teil wollte eine Klärung. Wollte mit Sam darüber reden, wollte sie nach Erklärungen fragen und vielleicht... nur vielleicht... Jody feuchtete ihre Lippen an und durchsuchte ihr Gehirn nach etwas intelligentem was sie sagen könnte. "Ich weiß Jo, aber du wirst mich nicht davon abbringen, dass ich immer noch überzeugt davon bin, dass uns niemals die wirkliche Geschichte erzählt worden ist. Da gibt es zu viele offene Fragen." Hallte Lucy's Stimme in ihrem Verstand wieder. "Wie geht es deiner Familie, Jo?" Fragte Sam plötzlich, womit sie Jody vollkommen überrumpelte. Jody überlegte kurz eine belanglose Antwort zu geben, um ihr Leben nicht noch komplizierter zu machen, denn die Wahrheit würde dies bestimmt verursachen, aber sie entschied sich dagegen. "Lucy geht es gut, sie arbeitet in dieser Rechtsanwaltskanzlei," antwortete sie, vorsichtig ihre Worte wählend. "Das gleiche gilt für Vogel, er ist auf der Universität und studiert Meeresbiologie." Sie sah, dass Sam's Gesicht einiges von seiner Anspannung verlor, als sie den Spitznamen ihres jüngsten Bruders erwähnte. "Er hängt immer noch an der Natur, wie?" Lächelte Sam. "Klar, es ist ihm auf den Leib geschrieben," Jody erwiderte das Lächeln während sie winzige kleine Stiche in ihrem Magen fühlte. "Wie steht's mit dem Rest? Wie geht's Matthew?" Die letzte Frage wurde herausgepresst und Jody konnte die Blockade in Sam's Stimme hören. "Er wurde Zimmermann, er ist jetzt tatsächlich ein Bauunternehmer mit seinem eigenen Geschäft." Das Letzte was Jody erwartet hatte war, dass Sam sie mit aufgerissenen Augen beinahe schockiert anstarrte. Alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen und sie sah krankhaft blass aus, sogar ihre Lippen hatten ihre Farbe verloren. Unbewusst streckte Jody eine Hand aus um Sam's Arm zu berühren. "Sam? Bist du in Ordnung? Was ist los?" Sam's Augen wanderten langsam mit einem völlig verwirrten Blick zu Jody. Sie schluckte als ihr plötzlich bewusst wurde wie trocken ihr Mund war. "Matthew ist ein Zimmermann, nun, das ist natürlich nicht schlimm. Es ist nur, dass mir vor acht Jahren erzählt wurde, dass er durch eine Verletzung an seinem Rückenmark querschnittsgelähmt sei." Sam musste die Worte herauspressen, da ihre Stimme noch immer von den Emotionen gehemmt war. "Querschnittsgelähmt?" Wiederholte Jody mit offenbarer Überraschung in ihrer Stimme. "Nein Sam, er hatte sich ein Bein gebrochen, das war alles. Zudem war es ein glatter Bruch. Er war für einige Wochen in Gips und das war's auch." "Willst du mir damit sagen, dass ich beinahe acht Jahre meines Lebens damit verbracht habe mich für etwas schuldig zu fühlen woran ich noch nicht einmal Schuld war, weil ich nicht damit angefangen hatte, und mich immer wieder fragte ob es anders gelaufen wäre wenn ich einfach......?" Als Jody mit schmerzlicher Klarheit realisierte was die schreckliche Wahrheit war, wurde ihr schlagartig schwindelig. Ihre Hände klammerten sich um die Armlehne von Sam's Sessel um sich festzuhalten. "Wer hat dir das erzählt?" Fragte sie fast unhörbar, obwohl sie die Antwort nur zu genau kannte. "Dein Vater...und der Pfarrer," antwortete Sam mit einer tonlosen Stimme. "Sie kamen für einen Besuch ins Krankenhaus. Und was für ein Besuch das war." Nun war Jody an der Reihe entsetzt zu sein. "Du warst im Krankenhaus?" Sam wandte ihren Blick zu der Frau die neben ihrem Sessel kniete und ihr Gesicht wurde weicher als sie den erschrockenen Blick in diesen grünen Augen sah, die durch die Emotionen dunkel wurden. "Für fast drei Wochen," antwortete sie. "Ich wurde nach Hause geflogen als mein Zustand stabil war. Es hatte mich ganz schön erwischt."
Jody legte die Stirn auf ihre Hände, die noch immer fest die Armlehne des Sessels umklammerten. Krampfhaft versuchte sie mit den Dingen zurechtzukommen die ihr Sam gerade erzählt hatte, aber sie fühlte sich, als ob Nebel in ihrem Gehirn jeden klaren Gedanken verhinderte. "Ich wusste es nicht," flüsterte sie schließlich beinahe unter Tränen. "Oh Gott Sam. Ich habe es nicht gewusst." Sam lehnte ihren Kopf gegen die Sessellehne, schloss ihre Augen und kämpfte mit den Tränen als sie sich an diese langen Nächte und Tage im Krankenhaus erinnerte. Sie hatte gehofft und gebetet, dass Jody zu Besuch kommen würde, oder ihr zumindest einen Brief oder eine Postkarte schicken würde. Aber nichts von dem war geschehen und als sie schließlich fähig war nach Holland zurück zu reisen, da hatte sie die Hoffnung aufgegeben. "Was hast du geglaubt wo ich hingegangen bin?" Schaffte sie schließlich, mit immer noch geschlossenen Augen, zu fragen. Jody rieb ihr Gesicht und blickte auf die ruhige Gestallt die neben ihr im Sessel saß, sie war so nah und doch so weit entfernt. "Sie erzählten mir, dass du einen Unfall gehabt hättest, als du versucht hattest Matthew von der Strasse abzudrängen, und dass du außer ein paar Schnitten und Prellungen in Ordnung wärst. Dad..." Sie schluckte hart. "Dad sagte, dass die Polizei dir zwei Möglichkeiten gegeben hätte, entweder hier zubleiben und den Konsequenzen ins Gesicht zu sehen, oder zurück nach Holland zu gehen. Er sagte, du hättest es vorgezogen fortzulaufen." Jody's Stimme war gequält und Sam konnte die Traurigkeit und den Schmerz darin heraushören. Sie öffnete ihre Augen und drehte ihren Kopf damit sie die jüngere Frau neben sich ansehen konnte. "Und du hast das geglaubt?" Es war keine Anklage, es war mehr eine traurige Bestätigung. "Hatte ich eine andere Wahl?" Flüsterte Jody. "Ich wusste nur, dass du zurück nach Holland gegangen warst. Ich dachte, du hättest mich einfach verlassen ohne auf Wiedersehen zu sagen und ich... ich... fühlte mich einfach so verletzt und verraten. Nein, ich konnte niemals glauben, dass du so etwas getan hast, aber was für eine andere Wahl hatte ich? Du warst einfach verschwunden, Sam. Ich wusste nicht was ich glauben sollte." Sam fuhr mit ihren Fingern durch ihr Haar und fühlte wie eine Träne eine salzige, feuchte Spur auf ihrer Wange hinterließ. Als sie sie hastig wegwischen wollte fühlte sie, wie Jody's Daumen zärtlich den Tropfen entfernte. Unbewusst lehnte sich Sam in die weiche Hand, weil sie den Kontakt verzweifelt brauchte. "Demnach war es ein guter Weg uns zu trennen," folgerte sie leise. "Nun, es ist ihnen mit Sicherheit gelungen. Ich dachte, dass der Unfall das Leben deines Bruders ruiniert hätte und obwohl ich wusste, dass es nicht mein Verschulden war, fühlte ich mich deswegen schlecht. Als ich... als ich all... diese Tage... die Decke im Krankenhaus angestarrt habe... ich... dachte ich du wärst vielleicht wütend auf mich, weil ich das deinem Bruder angetan hatte. Ich... ich... dachte mir das dies der Grund dafür war... dass du nicht zu Besuch... gekommen bist." Der verlorene Blick auf Sam's Gesicht und die Qual in der leisen Stimme schürten ein Feuer in Jody, von dem sie glaubte, dass es lange erloschen war. Ihre Hand streichelte eine weiche Wange und ihre Augen klammerten sich an Sam's und sie hielt den Blick ohne dass es sie belastete. "Sam, ich weiß, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können, aber wir beide sind nun hier. Vielleicht können wir, wenn wir all diese Missverständnisse aufklären können...? Wir waren früher solch gute Freundinnen. Ich habe das vermisst." Sie lächelte traurig. "Ich habe dich vermisst." "So viele Nächte in denen ich nicht schlafen konnte, habe ich in die Sterne geblickt und hoffte du würdest das Gleiche tun," gestand Sam ein. "Bis ich realisierte, dass wir beide in völlig verschiedenen Hemisphären lebten. Das hat mich fast fertiggemacht. Also, hab ich mir den Mond herausgesucht. Zumindest der würde gleich sein, und so habe ich mich auf ihn konzentriert. Hast du... ich meine... hast du den Mond angeblickt und...?" "Das hab ich," Jody lächelte. "Mehr Nächte als ich mich erinnern kann." Sam erwiderte das Lächeln und strich vorsichtig eine Strähne des rötlichen Haares zur Seite. "Kann ich dich dann für einen Blick in die Sterne heute Abend überreden? Am Strand? Einfach wie in den alten Tagen? So können wir vielleicht ein wenig reden um noch einige Missverständnisse aus dem Weg zu räumen? Ich... es ist nicht so, dass ich mit dir jetzt nicht darüber reden will, aber... ich muss über eine Menge Dinge nachdenken. Im Augenblick herrscht in meinem Kopf völliges Durcheinander." Jody's Herz setzte einen Takt aus und ein seit Jahren nicht mehr empfundenes Gefühl von Frieden strömte durch sie hindurch. "Das würde ich sehr gerne," antwortete sie. "Aber was unternehmen wir wegen William...?" "Mach dir darüber keine Sorgen," unterbrach sie Sam. "Ich werde mir im Laufe des Tages etwas ausdenken und... nun ja, sollte mir ein Plan einfallen... dann werde ich dich informieren." "Ich geh jetzt besser an meine Arbeit zurück," sagte Jody und stand auf. Sie war überhaupt nicht daran interessiert in ihr Büro zurückzugehen. Aber sie wollte Sam den Freiraum geben den sie brauchte. Sie streckte ihren Rücken, der sich nach einer solch langen gleichbleibenden Position ein wenig steif anfühlte. "Wo werde ich dich treffen?" Fragte Sam aufblickend, sie dachte das es keine so gute Idee wäre sich im The Reef selbst zu treffen. "Zirka eine halbe Meile die Strasse hinunter gibt es einen Zeitungsstand. Ich könnte dich dort nach der Arbeit treffen. Um ungefähr 17:30 Uhr?" "Klingt gut. Ich werde etwas zum Naschen mitbringen," lächelte Sam, sie war nun wesentlich entspannter als am Morgen, als Jody sie getroffen hatte. "Fish und Chips?" Erkundigte sich Jody mit funkelnden, grünen Augen. "Warts ab," antwortete Sam. "Ich möchte dich überraschen." An diesem Morgen war es schwer sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Bruchstücke ihrer Unterhaltung mit Sam liefen durch ihren Verstand und mehrmals erwischte sich Jody, wie sie nur den Monitor anstarrte ohne irgend etwas zu sehen. Sie hatte niemals gedacht, dass ihr Vater fähig sein könnte diese Dinge zu tun. Zwischen ihm und ihr gab es immer einige offenen Fragen, aber sie dachte immer, dass er ehrlich war. Die wenigen Dinge die ihr Sam erzählt hatte öffneten erbarmungslos ihre Augen, und konfrontierten sie mit einer Wahrheit von der sie nichts wusste. Dieses Wissen erfüllte sie sowohl mit Traurigkeit als auch mit sehr viel Zorn. Der Anblick von Sam's geqäulten Augenausdruck und die geschmerzte Stimme hatte sie tief in ihrem Herz erreicht und Jody fragte sich ob es möglich wäre wieder Freundinnen zu sein. Das Telefon auf ihrem Schreitisch summte und geistesabwesend hob Jody den Hörer hoch. "Guten Tag, Schwesterherz," hörte sie Lucy's fröhliche Begrüßung. "Alles in Ordnung?" "Du bist nur neugierig," beklagte sich Jody mit einer herzlichen und freundlichen Stimme. "Du kannst mich dafür nicht tadeln, oder? Es kommt nicht oft vor, dass eine von deinen lang verlorenen Geliebten wieder in deinem Leben auftaucht." "Klar, richtig," schnaufte Jody. "Und es ist ja auch eine lange Liste von Geliebten, oder nicht?" "Komm schon Jo, hast du bereits mit ihr gesprochen?" "Hat dein Boss nichts gegen all diese privaten Anrufe?" "Sei kein Spielverderber Erbse," seufzte Lucy. "Erzähl es mir einfach." "Nun ja, tatsächlich sind wir an der gleichen Ecke wieder zusammengetroffen, aber diesmal ohne Zusammenstoß." Sie konnte ihre Schwester grinsen hören und hielt inne. "Mach weiter," drängte Lucy. "Ich wette da gibt es mehr zu sagen." Jody erzählte ihr schnell, einschließlich der meisten Einzelheiten, was an diesem Morgen geschehen war. "Du machst Witze," sagte Lucy mit deutlich empörter Stimme. "Ich wusste, dass mehr an dieser Geschichte war, aber... er hat einfach gelogen um euch zwei auseinander zubringen. Und was für Lügen. Wie konnte er Sam erzählen, dass Matthew querschnittsgelähmt sei! Das ist einfach... kriminell. Und dich glauben zu lassen, dass Sam fortgerannt ist, weil sie an diesem Unfall schuld wäre! Gott, er ließ uns das alle glauben. Ich... mir fehlen die Worte." "Mir geht's genauso," gestand Jody ein. "Ein Teil von mir ist immer noch schockiert und der andere Teil ist wütend." "Wie geht's Sam?" "Ich denke, sie war genauso schockiert wie ich," antwortete Jody. "Luce, sie ging noch einmal durch die Hölle, als sie auf meinen Besuch wartete und ich nicht kam. Alles an was ich zu dieser Zeit denken konnte war, wie wütend und verletzt ich war, weil sie mich einfach so verlassen hatte." "Ich will sie sehen," beschloss Lucy plötzlich sehr resolut. "Ich habe nichts dagegen, du weißt wo das The Reef ist." "In Ordnung, ich werde in ein paar Stunden vorbeikommen. Wir sehn uns."
Nachdem Jody gegangen war, saß Sam für eine sehr lange Zeit einfach in ihrem Sessel. Sie ließ diesem Morgen immer wieder an sich vorüberziehen. Schwer an Jody's Worten kauend, drehte, analysierte und zerlegte sie diese um das Chaos in ihrem Kopf zu entwirren. Und die Gefühle, die in ihrer Seele herumwirbelten schrieen alle nach Aufmerksamkeit und jedes wollte als erstes anerkannt werden. Mit einem tiefen Seufzer schloss Sam ihre Augen und legte ihren Kopf gegen die Rücklehne des Sessels. Was für ein Tag! Ich kann nicht glauben, dass dies alles gerade geschehen ist. Zuerst renn ich in meine... Sam's Herz fing an zu rasen als sie bemerkte welche Worte sich in ihrem Verstand bildeten... erste Liebe... da, ich habe es zugestanden. Nun gut Mädchen. Was mach ich jetzt? Sam ließ ihren angehaltenen Atem frei und rieb mit einer unsicheren Gebärde ihr Gesicht. Vor zwei Tagen war ich überzeugt, dass wir uns nie wieder begegnen würden und nun fragte ich sie ob sie mit mir die Sterne ansehen will. Ich muss nicht ganz bei Sinnen sein! Bin ich das? Und sie hat angenommen! Trotz allem, was ich gestern mit ihr abgezogen habe, hat sie es akzeptiert! Unruhig sprang Sam plötzlich auf und lief, über sich selbst sehr verägert, im Raum herum. Verdammt Sam, du bist neunundzwanzig Jahre alt und hier um eine Arbeit zu erledigen und du handelst wie ein... wie ein... Sam fing ihr Spiegelbild in dem Spiegel auf und blieb sich selbst intensiv studierend sehr still stehen... wie ein liebeskranker Teenanger. Die Worte hallten in ihrem Verstand wieder und Sam konnte fühlen wie ihre Wangen rot wurden. Ihr Spiegelbild bestätigte dieses Gefühl. Ich kann nicht glauben, dass mir so etwas passiert. Nicht nach acht Jahren! Das ist unmöglich, dies ist wie in einem schnulzigen Roman und nicht wie die Wirklichkeit. Sam brummte und drehte sich zum Fenster um hinauszustarren. Aber warum fühle ich mich so unbeschwert, wenn ich mit ihr zusammen bin? Warum kann ich immer noch ihre Finger auf meiner Wange spüren wenn ich meine Augen schließe? Warum kann ich mich nicht darauf konzentrieren einen Plan zu entwerfen, um diesen Mist aufzuklären, den diese traurige Entschuldigung von einem Manager verursacht hat? Warum freue ich mich so unverschämt auf heute Abend? "Weil ich eine Närrin bin," rief Sam völlig frustriert aus. Ein lautes Klopfen unterbrach ihre Grübeleien, und dankbar für die Ablenkung, aber noch wütend über sich selbst, riss sie die Tür auf. Die elegante Frau auf der anderen Seite sprang überrascht zurück und sah erschrocken aus. Aber dies dauerte nur einen Augenblick. "Hey Fremde," begrüßte Lucy sie. "Ich hörte, dass du wieder in der Stadt bist. Hast du etwas dagegen wenn ich reinkomme?" Sam fühlte sich, als wäre sie auf dem Boden festgenagelt als sie die Frau vor sich erkannte. Sie erinnerte sich an das schwarze Haar und die dunkelgrünen Augen, aber das letzte Mal als sie sie gesehen hatte, war Lucy eine hagere Achtzehnjährige. Die Jahre waren freundlich mit ihr umgegangen, sie hatte zugenommen und war eine auffallend schöne Frau geworden. "Lucy?" Flüsterte Sam immer noch überrascht. "Die einzige und unverwechselbare, Sam." Lucy's vergnügter Gesichtsausdruck veränderte sich zu einem leicht betrübten. "Es ist eine Weile her, wie?" Sam schüttelte ungläubig ihren Kopf und ergriff Lucy's Hand um sie hineinzuziehen. Für einen Augenblick standen sie da und sahen sich an, bis Lucy anfing zu sprechen. "Hast du was dagegen wenn ich dich umarme?" Ohne zu antworten breitete Sam ihre Arme aus und Lucy brauchte keine weitere Ermutigung. Sie versank in ein paar starke Arme und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sam konnte Lucy schluchzen hören, und rieb liebevoll ihren Rücken während sie ihr tröstende Worte ins Ohr flüsterte. Schließlich schob sie sie leicht weg um sie ansehen zu können. "Soll dies bedeuten, dass du glücklich bist mich zu sehen?" Scherzte sie schwach. "Willst du mich verulken?" Antwortete Lucy immer noch schniefend. "Es ist ein Wunder. Du hast keine Vorstellung wie sehr ich dich vermisst habe, Sam." Sam blickte zur Seite, aber Lucy hatte den plötzlichen Schmerz und die Verwirrung in ihrem Gesicht gesehen. "Ich habe heute Morgen mit Jody gesprochen," bekannte sie. "Sie sagte mir, dass ihr zwei miteinander gesprochen habt. Sie erzählte mir auch eine Menge Dinge von denen ich nichts wusste. Von denen wir alle nichts gewusst hatten. Und ich bin sehr beschämt über meinen Vater, Sam. Ich verstehe nicht wie er so etwas tun konnte. Ich meine, wir wussten, dass er eure Liebe zueinander niemals akzeptieren würde, aber ich habe nie damit gerechnet, dass er lügen würde um euch zu trennen. Es ist eine solche Schande, jeder konnte sehen, dass meine Schwester und du zusammengehören." Sam würdigte Lucy's Offenheit, aber die Worte taten weh. Sie öffneten Wunden von denen sie gedacht hatte, dass sie vernarbt waren. Sie schluckte hart und drehte sich langsam weg. "Vielleicht... acht Jahre früher," antwortete sie heiser. "Das ist eine lange Zeit Lucy, Menschen verändern sich, die Dinge sind nun anders." Lucy betrachtete Sam's angespannte Gestalt und setzte sich auf die Armlehne eines Sessels, während sie ihren Mut für die nächste Frage versammelte. Bist du mit jemandem zusammen?" Lucy verengte ihre Augen und nahm selbst eine angerspannte Haltung an als sie auf die Antwort wartete. Sam antwortete nicht gleich. Sie blickte für eine lange Zeit auf den Ozean, bevor sie sich zu Lucy umdrehte. "Nein, ich bin mit niemandem zusammen." Die Erleichterung auf Lucy's Gesicht war nicht zu übersehen und Sam schritt neugierig näher. "Was hast du auf dem Herzen?" Fragte sie vorsichtig. Ich war nur neugierig, dass ist alles," antwortete Lucy unschuldig. "Einige Dinge verändern sich nie, oder?" "Nee," grinste Lucy. "Du kennst den Spruch: Solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung." "Mach dir nicht zu große Hoffnungen, Sommersprosse. Ich sagte dir schon, dass sich die Menschen ändern. Acht Jahre sind eine lange Zeit. Außerdem, dein Vater...." Lucy zuckte mit ihren Schultern. "Dad ist nicht mehr von Bedeutung, er ist es schon seit sehr langer Zeit nicht mehr." Den verwirrten Blick auf Sam's Gesicht sehend, erkannte Lucy, dass es noch eine Menge Dinge gab von denen Sam nichts wusste. "Jody hat es dir nicht erzählt," schloss sie. "Nun, nachdem du fort warst," sie hielt inne und schnaufte. "Nachdem wir in dem Glauben gelassen wurden, dass du fort warst, war Dad wirklich wütend auf Jo, aber dieses Mal lehnte sie sich gegen ihn auf. Ich wette, wenn Jody dir das erzählt, dann wird sich ihre Geschichte sehr von meiner unterscheiden, aber ich sag dir eins Sam, sie war meine Heldin! Es gehört eine Menge Courage dazu, sich so gegen ihn zu erheben. Drei Wochen nachdem du... den Unfall hattest, ging sie einfach. Es war ihr nicht erlaubt das Haus zu verlassen, aber sie stand einfach auf und ging. Sie nahm nur eine Tasche mit ein paar Sachen von ihr mit, das ist alles. Sie war so verletzt Sam, sie konnte einfach nicht mehr ertragen." Diese letzten Worte wurden so traurig gesprochen, dass es Sam tief in ihrem Inneren ergriff. "Es tut mir so leid, Lucy. Ich weiß wie sehr du deine Schwester liebst und ich schwöre dir, wenn ich es gewusst hätte, wenn ich es nur gewusst hätte..." "Sicher, ich weiß das," seufzte Lucy. "Auf jeden Fall war sie seitdem nicht mehr zu Hause. Dad verleugnete sie und sie haben sich seitdem nicht mehr gesehen. Jody ist viel wiederfahren, aber ich denke, dass soll sie dir selber erzählen. Oh, ähm... da ist noch etwas." Sam blickte mit einer hochgezogenen Augenbraue erwartungsvoll zu Lucy. Als sie das schelmische Lächeln sah, wusste sie was kam. "Jody ist auch mit Niemandem zusammen," grinste Lucy. "Nur für den Fall, dass du es wissen möchtest." "Danke Luce," antwortete Sam süßsauer. "Aber das habe ich mir schon gedacht." "Wieso?" Plötzlich erkannte Sam, dass Lucy nichts von der Verabredung für den Abend wusste und in Gedanken ohrfeigte sie sich selbst. Sie wusste wie hartnäckig und neugierig Lucy sein konnte. "Nun... ähm... einfach geraten?" "Oh nein, Sam," lachte Lucy mit funkelnden Augen. "Du wirst es mir erzählen, weil Jody mir nicht alles gesagt hat, ich kenne meine Schwester wie mich selbst." "Okay, wenn du darauf bestehst, wir gehen heute Abend... zusammen Essen. Ich habe sie gefragt und sie hatte sofort zugestimmt, also... habe ich mir einfach gedacht, dass niemand zu Hause auf sie wartet." Sam drehte sich abrupt, mit einem sehr ernsten Gesicht und flehenden Augen, zu Lucy um. "Lucy, ich weiß, dass du gerne stichelst, und das macht mir auch nichts aus, aber... es gibt so viele Dinge über die Jody und ich noch reden müssen. Dinge von denen du nichts weißt und... wenn wir bestenfalls unsere Freundschaft wieder erneuern können, dann werde ich äußerst glücklich sein. Versuch nicht..." "Die Dinge zu beschleunigen," fügte Lucy ruhig hinzu. "Das werde ich nicht, Sam. Und ich verspreche, dass ich nicht zu viel... sticheln werde. Aber meine Schwester verdient ein wenig Glück in ihrem Leben, und wenn ich irgend etwas tun kann um ihr dabei zu helfen, dann werde ich das tun. Aber ich verspreche, dass ich mich nicht einmischen werde... außer es ist nötig... oder ich werde darum gebeten."
Jody, die nichts von dem Gespräch zwischen ihrer Schwester und Sam wusste, kämpfte mit ihren eigenen Problemen. Ein amerikanisches Paar hatte seine Keycard irgendwo am Strand verloren, und verlangte unverzüglichen Ersatz. Zur gleichen Zeit meldete sich einer von den Unterhaltern an diesem Abend krank, während ein anderer Gast mit dem Menü auf der Speisekarte nicht zufrieden war und den Manager sehen wollte, der natürlich nicht verfügbar war. Es dauerte anderthalb qualvolle Stunden um die Wogen zu glätten, und als sie schließlich in ihr Büro gehen konnte um den Papierkram zu erledigen, wurde sie von einer Kellnerin angerufen, die sich über eine sexuelle Belästigung durch einen der Gäste beschwerte. Um 17:00 Uhr hämmerte Jody der Kopf und sie hätte schreien können. Ihr ursprünglicher Plan bei ihrer Wohnung zu halten um zu duschen, bevor sie Sam traf, konnte sie vergessen, weil es dafür schon zu spät war. Es war genau 17:30 Uhr als sie bei dem Zeitungskiosk ankam, wo sie Sam treffen wollte. Es war immer noch sehr heiß und die kühle Brise vom Ozean fühlte sich erfrischend auf ihrer erhitzten Haut an. Jody's Augen suchten in der Umgebung nach Sam's vertrauter Gestalt. Sie vermutete, dass sie sich in der Nähe des Wassers aufhielt und schirmte ihre Augen vor der grellen Sonnenreflektion des Ozeans ab. "Suchst du mich?" Erklang eine vergnügte Stimme hinter ihr. Jody wirbelte herum und sah in ein paar funkelnde blaue Augen. Sie waren so unerwartet nah, dass es ihr beinahe den Atem verschlug und während sie einen Satz nach hinten machte legte sie ihre Hand auf ihre Brust. "Sam," keuchte sie. "Mach... so etwas nicht. Gott, ich dachte mein Herz würde stehen bleiben." Jody hörte wie sie diese Worte sagte und unmittelbar fiel ihr ein, dass sie auch anders interpretiert werden konnten, als sie sich eine besondere Nacht vor fast acht Jahren erinnerte.
Sam reagierte auf die Worte nicht, aber Jody konnte eine Andeutung von Erkenntnis in ihren Augen sehen, dem ein sanftes Lächeln folgte. "Bist du zufällig größer geworden?" Wechselte Jody schnell das Thema. "Oder schrumpfe ich bereits?" Eingehend betrachtete sie Sam's entspannte Gestalt. Das hellblaue T-Shirt steckte in einer dunkelblauen Baumwollhose. Eine Tasche hing lässig über ihrer linken Schulter und die Sonne malte goldene Glanzpunkte in ihr Haar. "Das glaube ich nicht," kicherte Sam. "Obwohl ich viel trainiere, also... könnte ich größer erscheinen, dass ist alles. Bei meiner letzten Untersuchung war ich noch 1,83 groß." "Das sind... beinahe sechs Fuß, oder nicht?" "Ja, das stimmt in etwa. Ich dachte, dass ihr Aussies inzwischen mit dem metrischen System rechnet," stichelte Sam. "Ich vermute, dass ich immer noch umrechnen muss, wie?" "Ja, ja," lächelte Jody, dankbar über die leichte Stichelei zwischen ihnen. "Wie du weißt sind alte Gewohnheiten schwer abzulegen. Außerdem habe ich noch nach dem alten System gelernt, also..." "In Ordnung, du hast eine Entschuldigung," grinste Sam. "Ich vermute es ist dann wahr, oder, diese Holländer sind die größten Leute der Welt?" Grübelte Jody. "Nun, die Teenager sind es auf jeden Fall. Aber weißt du auch warum?" Antwortete Sam mit einem schelmischen Lächeln. "Nein, das weiß ich nicht," grinste Jody. "Aber ich bin sicher du wirst es mir sagen." "Es sind die dykes," sagte Sam mit einem ausdruckslosen Gesicht und hielt für einen Moment inne um Jody's verwirrtes Gesicht anzusehen. "Die dykes die Wasser fernhalten... dieses Art von dykes," fügte sie mit einem Grinsen hinzu. "Da wir unter dem Meeresspiegel leben, müssen wir uns ganz schön hoch strecken wenn wir darüber sehen wollen. Es ist wahrscheinlich eine Art Evolutionsprozess." "Klar, genau," lachte Jody sehr entspannt und grotesk glücklich. "Du bist immer noch der große Scherzkeks, oder nicht?" Sam zuckte mit ihren Schultern und schenkte der Frau neben ihr einen liebevollen Blick. "Alte Gewohnheiten und so weiter, bla, bla, bla," antwortete sie blinzelnd. "Also, willst du dich irgendwo hinsetzen und ein wenig entspannen? Ich habe uns etwas zum Trinken mitgebracht." "Klingt großartig," seufzte Jody. "Mein Tag verlief im Großen und Ganzen ganz schön hektisch. Ich hoffe nur, dass ich heute Abend nicht angepiepst werde." Sam führte ihre Begleiterin zu einem Sandstück, dass von einigen Felsen umgeben war, die eine ausgezeichnete Rückenstütze abgaben. Sie bedeutete ihr sich hinzusetzen und stellte die Tasche neben sich, öffnete sie und holte zwei sehr kalte Barcardi Breezer heraus. "Oh..." keuchte Jody anerkennend. "Das sieht sehr gut aus." Mit einer schnellen Bewegung ihres Handgelenks öffnete Sam eine von den tropischen Zitrus Köstlichkeiten und reichte sie Jody. "Auf einen Zug," grinste sie. "Besser nicht," antwortete Jody. "Ich hab das Mittagessen ausfallen lassen und wäre sofort beschwippst." Sam entschloss sich zu dem letzten Kommentar nichts zu sagen und machte sich stattdessen eine geistige Notiz. Ihre langen Beine ausstreckend lehnte sie sich mit ihrem Rücken entspannt an die glatte Oberfläche des Felsens. Während sie an ihrem Getränk nippte verfolgte sie mit ihren Augen träge ein Segelboot, dass gegen die sanfte Brise ansteuerte. "Also, bedeutet dies, dass der erlauchte William heute erschien?" Fragte sie schließlich ohne ihre Augen vom Horizont abzuwenden. "An einem Freitag? Du machst Scherze," schnaufte Jody. "Soll das heißen, dass du den Laden alleine schmeißt?" Fragte Sam behutsam. Sie wandte ihren Blick zu Jody und sah wie ein Paar nachdenkliche, grüne Augen sie betrachteten. Anstatt wegzuschauen blickte sie freundlich zurück. "Ähm... ja, ich denke das mach ich," antwortete Jody schließlich. "Ich liebe meinen Job, jeder Tag ist eine neue Herausforderung und ich mag es wirklich Leute aus der ganzen Welt kennenzulernen, aber..." Sie seufzte hörbar. "Neuerdings habe ich das Gefühl das es zuviel für mich wird, es laugt mich aus und... manchmal denke ich, ich sollte das Handtuch werfen und einfach aufhören..." "Aber?" Forschte Sam. Aber dieser Job ist meine einzige Verbindung zu dir. "Aber ich denke, dass ich es einfach zu sehr liebe. Weil wir gerade dabei sind, hast du schon einen Plan?" "Noch nicht," gestand Sam ein. Ihre Augen suchten Jody's und hielten ihren Blick. "Ich habe eine Menge über den heutigen Tag nachgedacht, aber ich arbeite daran. Allerdings möchte ich gerne einige Dateien sehen. Vielleicht kann ich herausfinden was vor sich geht und eine Strategie entwickeln. Dad hat mir freie Hand gegeben, aber ich möchte es so schnell wie möglich hinter mich bringen." Jody riss ihre Augen von diesen faszinieren Blauen weg, und fühlte wie sich eine schwere Traurigkeit auf ihre Brust legte. Sie will wahrscheinlich so schnell wie möglich nach Hause zurück. "Ich bin reif für einen Urlaub," erklärte Sam, die gesehen hatte wie sich Jody's Augen verdunkelten. "Ich hatte seit Jahren keinen gemacht." Schnell ihre Fassung wiedererlangend, verzog sich die Schwermut umgehend und Jody atmete schwach aus. "Also, warum tust du das was du machst?" Fragte sie und bereute sofort die Frage, als sie bemerkte wie ungeschickt sie sich ausgedrückt hatte. "Ich wollte sagen, du arbeitest für deinen Vater, aber ich dachte du wolltest das nie. Du wolltest eine Physiotherapeutin werden." "Klar, das wollte ich," antwortete Sam leise. "Aber als ich mit meinem Wagen von der Strasse stürzte, da haben sich einige Dinge ganz schön verändert." Sie versuchte ihre Stimme ungezwungen zu halten, aber Jody konnte die Anspannung darin heraushören. "Willst du es mir erzählen?" Bot sie ihr an, während sie den Drang bekämpfte Sam's zitternde Finger zu halten. Sam starrte lange auf ihre Füße um ihre Gedanken zu Sammeln. Sie stritt mit sich, wieviel sie Jody erzählen sollte. Sie wollte nicht, dass Jody traurig wurde, aber zum anderen wollte sie ihr auch nichts vorenthalten. Sie räusperte sich und nahm einen weiteren Schluck von ihrem Getränk. "Heute morgen habe ich dir erzählt wie sehr es mich erwischt hatte," begann sie mit leiser Stimme. "Die Wahrheit ist, dass ich mir mein rechtes Bein gebrochen hab, oder sollte ich besser sagen es war zerschmettert? Das ganze Bein von der Kniescheibe abwärts war nur noch ein Chaos, mein Schienbein, Wadenbein und mein Knöchel waren einfach... zertrümmert. Sie mussten mit Platten und Nägeln zusammengehalten werden und ich wurde fünfmal operiert bis alles gerichtet war. Im Augenblick ist immer noch eine Platte drin." Sam versuchte nach besten Kräften Jody's schockierten Blick nicht zu sehen und schaute auf den Boden hinunter. "Das war noch nicht alles. Außerdem habe ich mir meinen rechten Arm und zwei Rippen gebrochen. Eine davon hatte meine Lunge durchdrungen. Ich hatte mehrere tiefe Schnittwunden, eine Gehirnerschütterung und eine Menge Prellungen. Einer von diesen Schnitten war auf meiner Hand." Unbewusst rieb Sam über die Stelle und Jody konnte die schmale Narbe auf ihrem Handrücken sehen. "Mein Arm muss durch die Seitenscheibe gekracht sein und dabei hatte das Glas zwei Sehnen durchtrennt. Sie konnten wieder zusammengenäht werden, aber ich konnte vergessen eine Physiotherapeutin zu werden. Dazu braucht man zwei starke Hände." Sam bog ihre Finger und betrachtete ihre Hand mit einem schwachen Lächeln. "Du musst wissen, dass ich glücklich bin meine Hand noch gebrauchen zu können." Sam hielt inne, sie war immer noch unsicher ob sie Jody anblicken sollte, die bewegungslos mit herunterhängendem Kopf da saß, und ihr Gesicht hinter ihren Haaren versteckte. "Also, anstatt die medizinische Richtung einzuschlagen, ging ich zur Universität um einen Wirtschaftsabschluss zu machen und gesellte mich zu meinen Vater und Bruder auf das Schlachtfeld des Konzerns. Ich muss zugeben, dass die Arbeit gar nicht so schlecht ist." Jody's untypisches Schweigen beunruhigte Sam und zärtlich strich sie ihr das Haar aus ihrem Gesicht, sie erschrak als sie sah wie Tränen über die erröteten Wangen rollten. "Hey," sagte sie leise während sie näher heranrückte. "Es tut mir leid, Jody, ich wollte dich nicht aufregen, ich dachte nur, du würdest mich nicht vom Haken lassen, falls ich dir nicht die ganze Geschichte erzähle," versuchte sie leicht zu scherzen. "Verdammt richtig," schniefte Jody. "Es ist nur... es ist so unfair Sam." Grüne Augen voller Tränen blickten zu ihr und Sam kämpfte schweigend gegen den Drang sie wegzuwischen. Sie verlor den Kampf. Vorsichtig wischte sie die Tränen mit ihren Fingerspitzen weg während sie in Jody's Augen blickte. "Weine nicht Jody," flüsterte sie. "Es war vor langer Zeit und..." "Es tut weh Sam," erwiderte Jody mit heiserer Stimme. "Und ich kann einfach nicht das Bild verdrängen, wie du im Krankenhaus liegst und darauf wartest, dass ich komme und ich niemals gekommen bin..." Sam's Hände wanderten zu Jody's Schultern, hielten sie fest und schüttelte sie sanft. "Tu dir das bitte nicht an, Jody," flehte sie. "Ich weiß, dass es weh tut, aber es war nicht dein Fehler. Es war dein Vater der beendet hat... was wir hatten. Und der Unfall, nun, das war nur eine Laune des Schicksals. Ich gebe zu, dass es eine Zeit gab in der ich deinen Bruder dafür verurteilt hab, aber nun... begreife ich, dass er wie du und ich ein Opfer war. Er dachte das er das Richtige tat, das ist natürlich keine Entschuldigung, aber... das waren die Gegebenheiten. Ich glaube nicht, dass Matthew mich mit Absicht von der Strasse gedrängt hat. Vielleicht hätte ich nicht in die Bremsen treten sollen, ich weiß es nicht." Sam hielt inne, griff an Jody's Kinn und hob es um in ihre Augen zu sehen. "Die Sache ist die Jody, es ist geschehen und es kann nicht rückgängig gemacht werden, also hör auf dir die Schuld zuzuweisen, okay?" Jody ergriff die Hand die immer noch ihr Gesicht hielt und berührte vorsichtig die Narbe. "Ich könnte jetzt... meinen Vater für das schlagen was er getan hat," brummte sie, während in ihren Augen Zorn aufflackerte. Sam's Gesicht verzog sich zu einem Lächeln und sie drückte zärtlich die Finger die ihre Hand hielten. "Nun, das würde ihn wahrscheinlich höllisch überraschen," sagte sie vergnügt. "Das würde es," stimme Jody zu. "Das letzte Mal habe ich ihn vor acht Jahren gesehen." "Möchtest du darüber reden?" Jody schüttelte ihren Kopf. "Nein, nicht jetzt, später. In Ordnung? Ich kann jetzt nicht über ihn reden ohne mich aufzuregen. Ich bin zu... wütend. Wenn ich mich beruhigt habe, werde ich es dir erzählen." "Das geht in Ordnung," stimmte Sam zu. "Lass uns nicht bei den schlechten Erinnerungen verweilen, richtig? Da gibt es eine Menge guter." Ihre Augen wurden sanfter. "Erinnerst du dich an den Tag als ich dir hinter der Scheune einen Kuss gestohlen hab?" "Oh Gott," kicherte Jody. "Du warst vollkommen überzeugt, dass uns niemand sehen kann, während Lucy uns die ganze Zeit beobachtet hat." "Ich begreife immer noch nicht woher sie gekommen ist," grinste Sam bei der Erinnerung. "Sie muss uns gefolgt sein. Ich werde niemals dieses Grinsen auf ihrem Gesicht vergessen als sie plötzlich aufgetaucht ist und sagte: Hey, ihr Burschen, ihr hört besser auf, weil Dad nämlich kommt um einige Werkzeuge zu holen." "Da wir gerade über, kalt erwischt werden, reden," lachte Jody. "Du weißt, dass sie damit unsere Haut gerettet hat." "Das nehme ich an. Und du hast dich an diesem Tag geweigert wieder in meine Nähe zu kommen." "Dafür kannst du mich nicht tadeln. Meine Hormone hatten eine Menge Spaß, ich wollte nichts riskieren," Jody errötete. "Ich konnte dir nie sagen was du angerichtet hattest. Du warst sehr gefährlich und sehr hinterhältig, meine Freundin." Diese letzten Worte waren, ohne darüber nachzudenken gesprochen worden, und Sam war sehr angenehm überrascht. "Dessen ungeachtet hat es Spaß gemacht," sagte sie herzlich. "Also, bist du noch hungrig?" "Ich bin am verhungern," gab Jody zu. "Wo sind die Fish und Chips?" "Du erwartest doch nicht ernsthaft, das wir dieses unmögliche Zeug essen, oder doch?" Sam täuschte einen verächtlichen Blick vor, aber Jody sah das Funkeln in ihren Augen. "Nun, du hast immer auf dieses fettige Zeug gestanden." "Das war einmal," grinste Sam. "Du musst wissen, dass ich einen Geschmack für die feine Küche entwickelt habe. Wie wär's also mit diesem Fischrestaurant die Strasse hinauf?" "Oh Gott Sam, sag nicht so was," lachte Jody. "Das ist eines der feinsten Restaurants in der Gegend. Außerdem glaube ich nicht, dass wir da einfach ohne Reservierung hineinspazieren können. Es ist immer voll." "Mach dir keine Sorgen," antwortete Sam sprang auf ihre Füße und streckte eine Hand aus um Jody hochzuziehen. "Ich habe einen Tisch für Zwei am Fenster reserviert. Mit Blick auf den Ozean. Was hältst du davon, hey?"
Ungefähr zwanzig Kilometer südlich von Burleigh Heads, parkten zwei Autos gegenüber vom Ozean, neben einem Picknickgelände auf der Strasse. Drei Männer saßen mit einem Getränk bei einem beiläufigen Gespräch da. So sah es zumindest aus. Wenn jemand einen näheren Blick auf sie hätte werfen können, dann wäre klar geworden, dass ihr Gespräch nicht so harmlos war. "Also, Billy Boy," sagte ein großer, muskulöser Mann mit kurzem blonden Haar. "Hast du schon eine Vorstellung wie du das Geld beschaffen willst?" William Jensen umklammerte nervös die Dose Bier in seiner Hand wobei er unbewusst das dünne Material einbeulte. Mit seiner anderen Hand fuhr er sich durch sein dunkles Haar und verstrubbelte es dabei. "Ich arbeite daran, Joe. Ich habe dir gesagt, nächste Woche." "Es ist bereits Freitag, Kumpel. Du weißt, dass ich noch Zehntausend bekomme. Natürlich kann ich jederzeit Klein Steve hier dazu überreden ein wenig mehr Druck auszuüben." Der riesige Mann neben Michael grollte und zerdrückte die Dose, die er in seiner Hand hielt, ohne Anstrengung. William schluckte hart und versuchte krampfhaft mit einer befriedigenden Erklärung zu kommen. "Ich warte auf Geld von einer Versicherung," versuchte er es. "Wir hatten vor einer Weile ein undichtes Wasserrohr, das den Teppich im Fitnessraum ruinierte. Das Geld müsste jetzt jederzeit eintreffen." "Das wäre besser für dich, Billy Boy, oder mein Freund hier wir dir ein paar wertvolle Lektionen über Rückzahlungen und Endtermine lehren. Mit der Betonung auf End. Du willst doch nicht als Haifutter enden, oder?" William schüttelte seinen Kopf, während er sich über seine Stirn wischte, wo sein Schweiß das Haar ankleben ließ. "Ich werde dich bezahlen, Joe. Ich verspreche es." "Nun gut." Joe Michaels stand auf und staubte seine Hose ab, bevor er zu seinem Wagen schlenderte. Er blieb auf halben Weg stehen und drehte sich um. "Mittwoch, Billy. Keinen Tag später. Mehr kann ich nicht für dich tun."
"Mmm, das ist der beste Lachs, den ich jemals gegessen habe," seufzte Jody glücklich, während sie ihre Zähne in ein Stück hellrosanes Fleisch vergrub. "Und dieses Dressing ist einfach... göttlich. Was ist das?" Sam äugte auf Jody's Teller und zuckte mit ihren Schultern. "Vom Aussehen her, kann ich es dir nicht sagen. Vielleicht solltest du nach dem Rezept fragen." "Als ob sie mir ihre Geheimnisse mitteilen würden," schnaufte Jody. "Hier, koste mal." Sie bot Sam ein Stückchen von ihrem Lachs an, die es gehorsam von ihrer Gabel nahm. Sie kaute das Stück nachdenklich. "Meerrettich," folgerte sie, nachdem sie den Bissen heruntergeschluckt hatte. "Bist du sicher?" Fragte Jody. "Völlig," antwortete Sam. "Meine Mom hat dieses Zeug immer serviert, wenn sie Essen für Geschäftsleute hervorgezaubert hat." Jody betrachtete eingehend das Gesicht auf der gegenüberliegenden Seite und legte langsam ihre Gabel hinunter. Sie nahm ihr Glas mit kühlen Weißwein und nippte daran, den aromatischen Geschmack genießend. Die Sonne war untergegangen und der Teil des Restaurants in dem sie saßen, war in gedämpftes Kerzenlicht getaucht. Eine Kerze malte eine goldene Hauttönung auf Sam's Gesicht, was ihr Haar noch heller erscheinen ließ. Sie genoss gründlich ihr Essen und schien sich an dem Schweigen zwischen ihnen nicht zu stören. Sie ist sogar noch schöner als vor acht Jahren. Sie sieht so erwachsen, so stark aus, aber dennoch so... verwundbar. Realisiert sie überhaupt wie attraktiv sie ist? Dieser Bursche da drüben kann seine Augen nicht von ihr nehmen. Plötzlich bemerkte Jody das ein paar klare blaue Augen sie mit einem komischen Blick ansahen. Sam bemerkte Jody's erschrockene Reaktion und eine kleines Lächeln überquerte ihr Gesicht. "Was?" Nichts, ich bewundere nur deine Schönheit und frage mich ob... "Du hast mir noch nicht erzählt, was genau du bei der Steven Inc. machst." "Nun, gewöhnlich bin ich für das Marketing zuständig. Du weißt, Forschung, Planung, Strategie und all dieses Zeug. Aber ich mach auch andere Dinge. Mein Bruder ist unser Finanzgenie, also arbeitet er gewöhnlich auf seinem Spezialgebiet. Ich hab meins noch nicht gefunden. Ich mach Marketing gern, aber... ich bin mir nicht sicher, ob ich das für den Rest meines Lebens machen will." Sam lächelte ironisch. "Wenn ich mich selbst reden höre, dann weiß ich, dass ich es nicht will." "Wieso bist du hierher geschickt worden?" "Ich habe mich angeboten," antwortete Sam. "Du weißt, dass mein Dad aus England stammt, richtig? Nun, bevor er meine Mom geheiratet hatte, verbrachte er einige Jahre in Australien und er liebte es einfach. Das The Reef war sein Traum, dort wollte er nach seinem Rücktritt Zeit verbringen. Als sich also die Gelegenheit bot, hat er den Ort gekauft. Er hatte vor mit Mom die holländische Winterzeit hier zu verbringen und im Sommer wieder zurückzugehen. Er liebt diesen Ort. Aber letztes Jahr hatte er einen Herzanfall, und musste somit Stress vermeiden. Er arbeitet nicht mehr und ist nur noch beratend tätig. Ich hatte mir gedacht, dass es keine so gute Idee wäre, wenn er den ganzen Weg hierher kommt, ohne zu wissen was ihn erwartet. Also bin ich hergekommen." Jody nickte verstehend und spielte abwesend mit ihrem Messer, bis Sam ihren Arm ausstreckte und die nervösen Finger mit ihren bedeckte. "Bist du in Ordnung?" Fragte sie mit offensichtlich besorgter Stimme. "Ja, das bin ich, ich versuche nur... die richtigen Worte zu finden... um dir von meinem Dad zu erzählen." Sam's Daumen strich über die glatte Haut unter ihren Fingern um zu versuchen Jody's Nerven zu beruhigen. "Warum fängst du nicht einfach am Anfang an?" Ermutigte sie Jody. "Warum bist du von zu Hause fortgegangen?" Jody schöpfte Mut aus dieser warmen, starken Hand und sie verflochten ihre Finger miteinander. "Am Tag bevor du mich abholen wolltest, hat er sich ausgerechnet das... ich... wir..." Jody seufzte und beschloss vollkommen ehrlich zu sein. "Er dachte, dass ich in dich verliebt bin und ich konnte das nicht abstreiten." Es war das erste Mal, dass Sam hörte wie Jody diese Worte laut aussprach und sogar nach acht Jahren fühlte sie, wie ihr Herz einen Takt aussetzte und ihre Atmung schneller wurde. Zärtlich drückte sie Jody's Finger um sie zu ermutigen fortzufahren. "Er verbot mir das Haus zu verlassen und ich durfte noch nicht einmal bis zur Scheune gehen. Dann geschah der Unfall. Einer von den Nachbarn hatte es Krachen gehört und benachrichtigte die Polizei. Ich weiß nicht was dort geschah, aber als Dad nach Hause kam, sagte er uns, dass Matthew ein gebrochenes Bein hätte, weil du versucht hättest ihn von der Strasse zu drängen. Angeblich hattest du einige Schnittverletzungen und Prellungen, aber ansonsten ginge es dir gut und würdest bald das Land verlassen." Jody schluckte und musste tief Luft holen. "Dad... hörte nicht auf über dich herzuziehen, was für ein schlechter Einfluss du gewesen warst, was für eine schlechte Person du warst, wie unehrlich, grausam und gefährlich du wärst und wie glücklich er wäre, dass du zurück nach Holland gehen würdest. Ich war so sehr verletzt, Sam." Jody's Stimme wurde härter und Sam konnte sehen wie ihre Augen dunkler wurden. "Ich dachte du hättest mich einfach verlassen, aber dennoch konnte ich es nicht ertragen wie Dad über dich sprach. Er ließ keine Gelegenheit aus über dich herzuziehen und es... tat weh... weil ich wusste, dass es nicht die Sam war, die ich kannte. Also habe ich eines Tages beschlossen, dass ich genug hatte. Ich packte einfach eine Tasche mit meinen persönlichen Sachen und ging aus der Tür hinaus. Dad war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause und Matthew ging noch an Krücken, somit wusste ich, dass mich niemand aufhalten konnte. Ich ging den Berg hinunter und sprang in den ersten Bus der anhielt. In Currumbin bin ich gelandet. Die ersten Tage verbrachte ich am Strand, bis ich eine sehr nette Lady traf, die nach jemanden suchte der ihr im Haus half. Sie besaß eine Buchhandlung, ihr Mann war ein Jahr früher gestorben und sie hatte eine Menge zu tun. Sie bot mir Verpfelgung und Unterkunft an, wenn ich nach dem Haus sehen würde." Jody lächelte bei der Erinnerung. "Mrs. Jenkins war wirklich gut zu mir gewesen. Sie gab mir die Möglichkeit eine richtige Arbeit zu suchen, und als ich eine gefunden hatte, wollte sie, dass ich bei ihr bleibe. Ich blieb noch für einige Monate dort, aber ging dann, als ihre Tochter von einer Europareise zurückkehrte. Ich wollte nicht stören. Dennoch besuchen wir uns noch immer gegenseitig, sie ist eine wahrhaft gute Freundin." Jody's Gesicht strahlte Wärme aus und Sam konnte nicht anders als das strahlende Lächeln zu erwidern. "Ich habe meinen Vater nicht mehr gesehen, seit ich von zu Hause fortging. Gelegentlich sehe ich Mom. Ich weiß wann sie einkaufen geht, also gehe ich manchmal zu Tweed Heads und wir trinken etwas zusammen. Auch Fiona und Matthew sehe ich nicht oft. Fiona ist jetzt vierzehn und sie ist genau wie Lucy, du würdest es nicht glauben. Der einzige Unterschied besteht in ihrer Haarfarbe. Sie haben sogar die gleiche Gesinnung, arme Mom. Sie ist ganz schön anstrengend." Jody nippte, durstig von dem vielen Reden, an ihrem Wein. "Also, nun kennst du meine Geschichte. Nun, einen Teil davon. Ich verspreche dir Sam, dass ich dir den Rest auch noch erzählen werde. Nur nicht jetzt." Sam konnte sich denken, dass es da mehr gab, aber sie respektierte, dass sie es ihr noch nicht erzählen wollte. Es waren acht Jahre vergangen und sie brauchten Zeit um mit den Dingen, die geschehen waren, zurechtzukommen und alle Fragen abzuklären die noch besprochen werden mussten. Ihre Finger waren noch ineinander verschlungen und Sam zog wiederwillig ihre Hand zurück. Bei dem Verlust des Kontaktes empfand sie beinahe körperlichen Schmerz. "Bist du bereit die Sterne ein wenig zu betrachten?" Fragte sie mit einem aufrichtigen Lächeln, das ihre Augen funkeln ließ. "Vollkommen," antwortete Jody.
Das Büro war dunkel. Nur das gedämpfte Licht des Mondes schien durch eins der Fenster, die um die wenigen Schreibtische und Aktenschränke verteilt waren. Mit einem leisen Quietschen wurde die Tür geöffnet und eine schattenhafte Gestalt schritt hinein. Mit zielsicheren Schritten wurde die Distanz zum Computer überbrückt und innerhalb weniger Sekunden wurde das Gerät gebootet. Für einen Augenblick konnte man nur das Diskettenlaufwerk und das Summen des Computers hören, gefolgt durch ein Tastaturgeklapper. Es dauerte nur einige Minuten, bevor das Gerät ausgeschaltet und der Bildschirm schwarz wurde. Der Schatten bewegte sich zur anderen Seite des Raumes in die Nähe des Papierkorbes. Man konnte Papier rascheln hören und plötzlich flackerte das Licht eines Streichholzes auf, an dem eine Filterzigarette angezündet wurde. Diese wurde vorsichtig oben auf den Papierkorb gelegt. Der Schatten drehte sich herum, verließ schnell den Raum und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Für einige Minuten gab es nur Dunkelheit, bis sich eine winzig kleine Flamme an dem glimmenden, sanft glühenden Ende der Zigarettenspitze entzündete.
"Was hast du morgen vor?" Fragte Jody einige Stunden später ein Gähnen unterdrückend. "Nicht viel." Sam streckte ihre lange Gestalt und zuckte zusammen als sie einen alten, wunden Punkt in ihrem Rücken spürte. "Ich vermute, dass ich einen Blick auf diese Dateien werfen sollte." "Mmm, ich werde sie dir besorgen. Das ist das Erste was ich morgen früh machen werde." Jody blickte auf ihre Uhr und sprang fast in die Höhe. "Da wir von morgen sprechen... Ich bin mir nicht sicher Sam, ob du dir dessen bewusst bist, aber es ist nach Mitternacht." Sam lächelte träge und drehte ihren Kopf. "Ist das so?" "Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich brauche zumindest vier Stunden Schlaf, wenn ich den nächsten Tag durchstehen will." Sam erhob sich von ihrer geruhsamen Position aus dem Sand und zuckte mit ihren Schultern. "Es ist erst kurz nach Mitternacht, also..." "Genau wie in der Vergangenheit, du hast mich verstanden," lachte Jody. "Es ist fast 0:30 Uhr und ich bin müde." "Das ist ein Kompliment," brummte Sam als Antwort. Jody schlug ihr spielerisch in den Magen und sprang auf ihre Füße. "Fang nicht damit an. Ich hatte eine großartige Nacht! Und du weißt das." Jody streckte ihre Hand aus und fühlte Sam's Festen Griff als die größere Frau sie auf ihre Füße zog. "Danke," fügte sie leise hinzu. "Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite," antwortete Sam und ließ die warme Hand los die sie immer noch hielt. "Ich werde dich nach Hause bringen." Jody zog ihre Stirn kraus und blickte verwirrt auf. "Du kannst nicht wissen... oh warte, Lucy hat es dir erzählt." "Es ist so hilfreich mit Schwestern zu reden," neckte sie Sam. "Sie erzählte mir, dass du genau gegenüber vom The Reef wohnst. Es muss eins von diesen Apartments an der Ecke sein." In einträchtigem Schweigen gingen sie, beide in ihren Gedanken versunken, den Weg zum Hotel zurück. Ich hätte mir nie vorgestellt, dass wir wieder Freunde sein könnten, aber ich denke das sind wir. Ich hatte vergessen wie leicht es ist mit Sam zu reden. Selbst wenn sie schweigt stört es mich nicht, es tut einfach so gut... wieder in ihrer Nähe zu sein. Einfach neben ihr zu gehen ohne ein Wort zu sagen, gibt mir ein solch friedliches Gefühl. Ich glaube, dass unsere Freundschaft nie gestorben ist, sie wurde nur für eine lange Zeit unterbrochen. Viel zu lang. "Jody," eine vergnügte Stimme weckte sie plötzlich aus ihren Grübeleien. "Jody, du bist zu Hause. Was machst du? Schlafwandeln?" "Es sieht so aus," antwortete Jody, dankbar über die Dunkelheit die ihre erröteten Wangen verbarg. Sie zog ihren Schlüssel heraus und wandte sich zu Sam. "Sam, ich..." Plötzlich fühlte sie sich sehr unsicher, Jody wusste nicht wie sie erklären sollte was sie fühlte. "Ich hatte eine wirklich schöne Zeit und... ich..." "Es ist in Ordnung Jody," unterbrach sie Sam. "Mir geht es genauso. Ich bin sehr dankbar, dass wir eine Menge Missverständnisse aufklären konnten und... ich fühle mich im Augenblick auch unsicher. Aber warum lassen wir es nicht Schritt für Schritt angehen und sehen was geschieht?" Ohne zu merken was sie tat, griff Jody nach Sam's Hand und drückte sie fest. Ihre Augen waren vor Emotionen dunkel und schimmerten mit unvergossenen Tränen. "Wie machst du das?" Flüsterte sie. "Was?" Fragte Sam interessiert. "Meine Gedanken lesen," antwortete Jody verwundert. Weil ich die beste Freundin, die ich jemals hatte, wiedergefunden habe. Die einzige Person die jemals fähig war meine Seele zu berühren. "Muss eine von diesen Geheimnisvollen Sitzungssaal-Fähigkeiten sein," scherzte Sam während sie Jody's Händedruck erwiderte. "Mm, eines Tages musst du mir das beibringen," antwortete Jody, wissend, dass Sam die Unterhaltung gern leicht beschwingt hielt. "Das kann manchmal sehr nützlich sein." "Werde ich dich morgen sehen?" "Ja, das wirst du," versprach Jody. "Ich werde dir diese Dateien bringen, in Ordnung?" Sam nickte und ließ die Hand los die sie immer noch hielt. "Dann bis später. Sieh zu, dass du zumindest fünf Stunden Schlaf bekommst." "Das werde ich. Ich seh dich morgen früh, Sam. Gute Nacht."
Mit geschlossenen Augen ließ Sam das lauwarme Wasser an ihrem Körper herunterlaufen, das ihre Haut mit einer weichen, feuchten Berührung streichelte. Ursprünglich wollte sie schnell unter die Dusche und wieder heraus springen, aber das Wasser fühlte sich einfach zu gut an. Sie ignorierte ihr Gewissen, dass sie ermahnte Wasser nicht auf diese Art zu verschwenden. Eine Minute noch, nur noch eine. Sam konnte nicht verhindern, dass ihre Gedanken, zu Jody's funkelnden, grünen Augen und dem Lächeln, das die Haut um ihre Augen verzog, und wie sie ihren Kopf zur Seite legte, wenn sie sich auf etwas konzentrierte, abdrifteten. "Nimm dich zusammen, Stevens," stöhnte Sam und drehte das Wasser ab. "Erinnre dich, dass du einen Job zu erledigen hast." Sie schnappte sich eins der cremefarbenen, flauschigen Handtücher die bequemerweise innerhalb ihrer Reichweite lagen und begann sich murmelnd abzutrocknen. "Finde einfach heraus, was zur Hölle das Problem ist, löse es und mach einen kleinen Urlaub und..." Sam hielt mitten in ihrer Bewegung und starrte ihr Spiegelbild an. Und was dann? "Geh nach Hause," flüsterte Sam. Ein paar klare blaue Augen füllten sich augenblicklich mit Schmerz, Sam drehte sich um und presste ihre warme Stirn gegen die kühlen Fliesen der Badezimmerwand. Das feuchte Handtuch drapierte sie um ihre Schultern. "Scheiße! Ich kann es nicht tun," sie bemerkte wie ihr Herz gegen ihre Brust schlug. "Es würde bedeuten, dass ich sie wieder mit allem allein lasse. Ich..." Die Luft wurde plötzlich mit einem hohen Ton erfüllt und Sam sprang beinahe auf. "Was zum...?" Sie rannte beinahe in das Schlafzimmer um die Quelle des Lärms zu finden. Als sie bemerkte, dass es ein Feueralarm war, schnappte sie sich schnell eine Shorts und ein T-Shirt. Sie kümmerte sich nicht um Schuhe als sie zur Tür ging. Sie wollte die Tür aufreißen als sie sich daran erinnerte, dass es wahrscheinlich nicht sehr weise war, wenn es vor der Tür brennen sollte. Mit ihrem Handrücken befühlte sie vorsichtig die glatte Oberfläche der Tür. Die Holzvertäfelung war noch kühl und Sam atmete erleichtert aus. Auf ein Bein kniend ergrifft sie den Türknauf und öffnete langsam die Tür. Sie hielt sich bereit, sich sofort auf den Boden fallen zu lassen. Im Flur gab es keine Flammen, aber der schwach beleuchtete Raum war voller Rauch und Sam schloss schnell die Tür. Ihr Gehirn arbeitete rasend um herauszufinden was zu tun sei. Durch den starken Rauch zu rennen um das Treppenhaus zu suchen war nicht ratsam. Aber sie wusste, dass sie etwas tun musste, da sie sich in einem Flügel des Gebäudes befand. Sam schnappte sich das Handtuch, dass sie auf dem Bett liegen gelassen hatte und ging zur Tür zurück. Mit schnellen Bewegungen legte sie das feuchte Tuch auf den Boden und drückte es gegen den Türabschluss. Zumindest würde das den Rauch zurückhalten. Jedenfalls vorläufig. Bleib ruhig, Sam, ermahnte sie sich selber und versuchte ihren Puls zu normalisieren. Du musst dich konzentrieren. Du musst hier raus. Sie schnappte sich ihren Lederrucksack, warf ein paar Sachen hinein und öffnete die Schiebetür zum Balkon. Sie blickte nach rechts und sah die Flammen hinter den Fenstern von einem der Büros. Ihre Augen überflogen den zweiten und vierten Stock und sie bemerkte, dass das Feuer in der dritten Etage ausgebrochen sein musste. Ein kurzer Blick nach unten war nicht sehr ermutigend. Sie befand sich auf der dritten Etage, aber es gab keine Hotelzimmer auf ihrer Seite des Gebäudes. Nur Büros, ohne Balkon. Springen würde wahrscheinlich bedeuten auf die felsige Oberfläche des Gartens vom The Reef zu krachen. "Okay, wen ich nicht hinunter kann, dann muss ich hinauf gehen," flüsterte Sam während sie nach oben blickte. Über ihr konnte sie den erreichbaren Boden und das Eisengeländer von einem Balkon der vierten Etage sehen. Sie holte tief Luft und betete schweigend zu einer Gottheit die gerade zuhörte. "Bitte, lass mich nicht abrutschen." Ohne weiter darüber nachzudenken warf Sam ein langes Bein über das Geländer. Mit je einem Bein auf jeder Seite holte sie noch einmal tief Luft und setzte langsam, doch sehr vorsichtig ihre Füße auf das Geländer und richtete sich zentimeterweise auf, bis sie völlig gestreckt wie ein Seiltänzer auf dem Geländer stand. Sehr langsam kippte sie ihren Kopf nach hinten und zwang die Muskeln in ihren Beinen das Gleichgewicht zu behalten, während ihre Augen den Balkon nach einer Haltemöglichkeit absuchten. "Dank den Göttern bin ich groß," brummte sie. "Nun, hier geht nichts." Sam beugte mit dem Wissen, dass sie nur eine Chance hatte, leicht ihre Knie, sie sprang ab, streckte ihre Arme und schluchzte fast vor Erleichterung als sie mit ihren Händen die kühle Eisenstange fühlte die sie erreichen wollte. Mit ihren langen Beinen in der Luft baumelnd zog sie sich hoch, und war sehr dankbar für die viele Zeit die sie im Fitnessstudio trainiert hatte. Innerhalb einer Minute war sie keuchend und schwitzend auf der vierten Etage, aber sie war in Sicherheit.
~~~ ENDE - Kapitel 1 ~~~
Wie es weiter geht könnt ihr in Kapitel 2 lesen.
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