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Copyrighthinweis der Autorin: Gehört alles mir. Schwerpunkt: Diese Geschichte handelt unter anderem über zwei Frauen die sich entschlossen haben ein gemeinsames Leben zu führen und dieses offiziell legalisiert haben. Die Tatsache, dass gleichgeschlechtliche Paare in den Niederlanden gesetzlich heiraten dürfen, ist keine Erfindung, sondern Realität. (Dies gilt auch für Belgien und Kanada!!!!!) Widmung: Wie immer bin ich dankbar eine Korrekturleserin zu haben, die nicht
schüchtern ist und niemals zögert mir mitzuteilen, falls die Dinge
nicht verständlich oder scharf genug sind Danke cbar, dafür, dass du niemals aufgibst mich zu ermutigen und das du mich liebst, gleichgültig wie frustriert oder schlechtgelaunt ich manchmal bin (nicht zu vergessen dickköpfig). Ich liebe dich. Diese Geschichte ist eine Fortsetzung von The Reef. Ich bin mir sicher, dass beide Geschichten unabhängig voneinander gelesen werden können, aber es werden einige Personen und Ereignisse vom The Reef erwähnt. Also... es liegt an euch liebe Leser. In dieser Geschichte kommen Schmerz und Trost vor, aber auch eine Menge Freundschaft und Liebe. Desweiteren etwas Gewalt, die Erwähnung von Kindesmissbrauch und ein Mörder. Das alles wird nicht auf einer Ebene von Sensationshascherei dargestellt. Es ist ein Teil der Geschichte. Und es ist traurig aber wahr, dass Gewalt gegen Kinder etwas ist, dass leider immer noch häufig geschieht. Ich bin Holländerin, und werde somit nicht auf eine gleichgeschlechtliche Beziehung zwischen Erwachsenen verzichten. Wenn dies jedoch nicht euer Geschmack ist... dann klickt auf das X (ganz oben in der rechten Ecke). Ich bin euch deswegen nicht böse. |
Murrook Farm Prolog
Der Morgen war behaglich und müßig gewesen. Jody lächelte, als sie sich darin erinnerte wie sie aufwachte und in ein Paar liebevolle, blaue Augen geblickt hatte, die sie mit soviel Bewunderung angesehen hatten, das es augenblicklich ihren schlaftrunkenen Schleier durchdrungen hatte. Jody hatte die große, blonde Frau eng an sich gezogen und seufzte zufrieden als sie spürte wie sich Sam's nackte Haut an ihre schmiegte. Sie hatten den Vormittag damit verbracht sich zu lieben, genossen ein spätes Frühstück im Bett und hatten danach eine ausgiebige, erfrischende Dusche. Jody gähnte und streckte ihren Körper, der an einigen äußerst privaten Stellen angenehm schmerzte. Ihre grünen Augen nahmen die Umgebung herein und wieder ergriff sie Ehrfurcht vor dieser Schönheit. Sie saß auf der Veranda und genoss die vor ihr ausbreitete Aussicht. Die grünen, baumbedeckten Hügel an der Westseite des Anwesens und dem Ozean im Osten. Das Haus stand nah am Gipfel einer Anhöhe und war von großen Bäumen umgeben, die eine grüne Wand bereitstellten, die sogar durch die heißen Sommertage eine willkommene Kühle bereitstellte. Die geschotterte Zufahrt führte den Hügel hinunter zur Hauptstrasse, die ihrerseits schließlich mit der Schnellstrasse verbunden war. Von ihrem Haus bis zur Arbeit brauchte sie nur zwanzig Minuten zu fahren. Dennoch hatten sie, umgeben von reiner Luft und Natur, das Gefühl mitten in der Wildnis zu leben. Der Anblick des Pazifischen Ozeans im Osten, der zwischen den Bäumen, die einen Hügel säumten und den wogenden grünen Feldern, die von mehreren Morgen Regenwald geschmückt wurden, war atemberaubend. Es gab Jody das Gefühl, dass sie und Sam eine eigene Insel des Glücks hatten. Jody's Augen wanderten zu der Strasse, die sich gemächlich den Hügel hinaufwand und an der Zufahrt zum Haus endete. Sie erinnerte sich daran wie sie es zum ersten Mal gesehen hatte. Sie waren von der Hauptstrasse heruntergefahren und der Wagen hatte langsam die Steigung erklommen. Auf dem Weg nach oben überquerten sie ein paar Flüsschen, die durch einen kleinen Wasserfall im angrenzenden Wald gespeist wurden. Die kleine Strasse führte sie durch einige Abschnitte des Waldes, wo es schön kühl war und nach zehn Minuten hatten sie das Haus erblickt. Es befand sich oben auf dem Hügel und wurde von Dutzenden großer Bäume umgeben. Jody hatte sich augenblicklich in das alte Farmhaus verliebt und als sie zu Sam gesehen hatte, konnte sie ein vertrautes Funkeln in diesen klaren, blauen Augen sehen. Sie hatten beide gelacht und sich versprochen, sich nicht ansehen zu lassen wie erpicht sie darauf waren dieses Grundstück zu kaufen. Das wäre genau das richtige Hochzeitsgeschenk. Sam's Vater, der ein äußerst erfolgreicher Geschäftsmann war, hatte seiner Tochter und ihrer Partnerin versprochen, das, wenn sie ein Haus finden würden das ihnen gefällt, dann würde er es bezahlen und ihnen als Hochzeitsgeschenk geben. An diesem Abend hatte Sam ihrem Vater eine E-Mail geschrieben und einige Digitalbilder vom Haus beigefügt. Einige Tage später hatte Richard Stevens australischer Anwalt, Sam und Jody in sein Büro eingeladen um die Papiere zu unterzeichnen. Zwei Wochen später waren die Bauarbeiter auf dem Grundstück, um einige geringfügige Änderungen vorzunehmen und einen Monat später war ihr Traumhaus fertig. Ein Haus mit fünf Schlafzimmern, einer Doppelgarage und einer umlaufenden Veranda auf zwanzig Morgen Land, das größtenteils aus grasbewachsenen Hügeln und Wald bestand, mit einen ausgezeichneten Blick auf den Pazifik. Auf dem tiefergelegenen Teil des Grundstücks befand sich ein separates Studio mit einem eigenen Garten und Zufahrt. Sam liebte es, da sie wusste, das ihr Bruder Tom mit seiner Familie regelmäßig zu Besuch kommen würde und es freute sie, ihrem Bruder und seiner Familie soviel Privatsphäre zur Verfügen stellen zu können wie sie brauchten. Ein großer Swimmingpool vervollkommnete das Bild, und immer wenn Jody's Geschwister zu Besuch kamen, brachten sie ihre Schwimmsachen mit. Im Inneren des Hauses waren die Böden gefliest und die holzgetäfelten Decken gaben dem Ort einen ländlichen Stil und sorgten während der heißen Sommermonate für die notwendige Abkühlung. Jody lächelte als ihre Gedanken zu ihren Schwiegereltern zurückdrifteten. Sam's Vater war ein eindrucksvoller Mann, mit einer tiefen Stimme, die, wenn er sie erhob wahrscheinlich wie ein Donnergrollen klingen würde. Er war eine einschüchternde Erscheinung und zuerst war Jody ein wenig beunruhigt. Aber schon, nachdem sie den Nachmittag mit Richard und seiner Frau verbracht hatte und sah wie Sam ihren Vater um den kleinen Finger wickelte, hatte Jody herausgefunden, das Richard Stevens ein freundlicher und höflicher Mann war, der für das Glück seiner Frau und Kinder, alles tun würde. Ihre Hochzeit hatte das bewiesen. Sam hatte Jody bereits erzählt, dass ihr Heimatland eines der ersten Länder auf der Welt war, dass ein Gesetz herausgebracht hatte, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit gab rechtsgültig zu heiraten. Richard hatte darauf bestanden, die Kosten sowohl für die Hochzeit als auch für die Flitterwochen im Süden des Landes zu übernehmen. Gleichgültig was Sam und Jody auch sagten, er ließ sich nicht davon abbringen. Tom, Sam's Bruder hatte nur grinsend mit seinen Schultern gezuckt und seine Schwester an seine Hochzeit erinnert und wie ihre Eltern alles perfekt organisiert hatten. "Schlucks runter Schwesterchen," hatte er gekichert. "Genieß es einfach. Außerdem werdet ihr wieder nach Australien verschwinden. Verdirb ihnen nicht dieses Vergnügen." Die Hochzeit war... eindrucksvoll, erinnerte sich Jody. Sowohl Sam als auch sie wollten die Angelegenheit klein halten. Wiederstrebend hatte Richard Stevens versprochen, nicht all seine Freunde und Geschäftspartner einzuladen. Beide wollten sich an ihrem großen Tag elegant aber dennoch einfach kleiden, und beschlossen Hosenanzüge zu tragen. Sam trug einen meerblauen Naturseideanzug, der ihr gelbbraunes, blondes Haar betonte, während Jody einen meergrünen Seidenleinenanzug gewählt hatte, der ihre grünen Augen wunderschön hervorhob. Die Ehe wurde in dem Rathaus von Sam's Heimatstadt Breda geschlossen. Es war sonnig an diesem Samstagmorgen und als der Wagen vor die Stufen fuhr, die zu den gewaltigen Holztüren des alten, majestätischen Gebäudes führten, blieben die Leute stehen um zuzusehen. Als Sam die Wagentür öffnete, um ihrer Partnerin herauszuhelfen, hörten sie ein leises, kollektives überraschtes Keuchen, als die Zuschauer sahen, dass sowohl die Braut wie auch der Bräutigam Frauen waren. Ein wenig unsicher hatte Jody zu Sam aufgeblickt, die sie nur angelächelt hatte und ihre Hand ergriff. "Du bist wunderschön," hatte sie geflüstert und beugte ihren Kopf um Jody's Stirn zu küssen. Die Zuschauer hatten gelächelt und als einer von ihren rief: "Vorwärts Mädchen!" Fingen alle an zu lachen und zu applaudieren. "Gefeliciteerd [Herzlichen Glückwunsch]," rief eine andere Person auf holländisch, was Jody unmöglich verstehen konnte. Sam hatte sich grinsend umgedreht und überflog mit ihren Augen die schnell wachsende Ansammlung der Zuschauer, um die Person zu finden, die die Glückwünsche gerufen hatte. "Bedankt [Danke]," rief sie in ihrer Muttersprache zurück. "Wir sind jedoch noch nicht verheiratet. Sie könnte immer noch nein sagen." Die Zuschauer lachten wieder, und während Sam Jody die Stufen hinaufführte übersetzte sie ihr die kurze Unterhaltung mit dem Fremden. "Hast du Angst, dass ich Nein sagen könnte?" Hatte Jody gefrotzelt als sie die oberste Stufe erreicht hatten und bereit waren das Gebäude zu betreten. "Nein, ich weiß, dass du mich liebst," hatte Sam mit feuchten, blauen Augen geflüstert. "Und dies ist der allerschönste Tag in meinem Leben. Vor zehn Jahren dachte ich, dich für immer verloren zu haben, doch heute wirst du meine und ich deine Frau. Mein Traum ist wahr geworden." "Danke, dass du auf mich gewartet hast," flüsterte Jody zurück und zog Sam's Kopf für einen Kuss hinunter. Erst als sie das Gejohle und das Klatschen hörten erinnerten sie sich, wo sie sich befanden. Mit einem kurzen Winken und einem leicht verlegenen Grinsen betraten sie das Rathaus, wo bereits ein Amtsdiener wartete um sie zum Hochzeitszimmer zu führen, in welchem ihre Familie und Freunde bereits auf sie warteten. Lächelnd schloss Jody ihre Augen. Ihr Hochzeitstag war schlicht gesagt, beeindruckend gewesen. Sam sah so entspannt und glücklich aus und Jody war angenehm überrascht, das sämtliche Gäste englisch sprachen. Sogar die Kellner und Kellnerinnen des Hotels in dem die Hochzeitsfeierlichkeiten stattfanden, hatten sich einfach angepasst, was ihnen ein gewaltiges Trinkgeld von Richard Stevens einbrachte. Als Jody, eine Bemerkung darüber machte, hatte Sam schmunzelnd ihre Hand ergriffen. "Die meisten Leute hier sprechen englisch und damit du dich hier wie zu Hause fühlst, sind sie gastfreundlich genug, einfach von holländisch zu englisch zu wechseln. Es ist für sie leichter englisch zu sprechen, als für dich holländisch." "Ich brech mir die Zunge dabei," gestand Jody kichernd ein. "Es ist extrem schwer zu lernen. Ich bin so dankbar, dass all diese Leute meine Sprache sprechen."
Jody sah auf ihre Uhr und erhob sich langsam aus ihrem bequemen Liegestuhl. Sam war in die Stadt gefahren um einige Lebensmittel zu besorgen und erwartete sie in Kürze zurück. Wie sie ihre Partnerin kannte, hatte sie wahrscheinlich Durst und Jody beschloss etwas frische Limonade zu machen. Sie realisierte, dass schon bald, in ungefähr einer Woche, ihre ausgedehnten Flitterwochen zu Ende sein würden. Jody würde wieder ins The Reef gehen, wo sie zur Managerin befördert worden war, während sich Sam immer noch Gedanken darüber machte, wie sie ihre Vorstellungen zur Serviceerweiterung im Hotel ihres Vaters umsetzen konnte. Sie hatte ernsthaft die Idee einer Tauchschule recherchiert und hatte sich bereits mit mehreren Tauchlehrern in Verbindung gesetzt und nachgefragt ob sie Interesse hatten für die Stevens-Gesellschaft zu arbeiten. Gerade als Jody in die Küche kam, läutete das Telefon und sie hob es schnell ab. Als sie die Person am anderen Ende der Leitung hörte, erhellte sich ihr Gesicht. "Hey Mom. Du willst doch nicht absagen, oder? Du kommst doch zum Abendessen? ... Oh... okay, nein, du brauchst außer dich selbst nichts mitzubringen... was? Das ist kein Problem, Mom, lass dir Zeit, wenn du da bis, dann bist du da. Fiona kommt mit dem Schulbus und ich werde sie unten an der Strasse abholen... in Ordnung... bis später." Kurze Zeit später nippte Jody an der kalten Limonade, während sie darauf wartete, dass ihre Geliebte von ihrem Last-Minute-Trip zu dem ortansässigen Geschäft zurückkam. Sie hatten heute abend Gäste, und natürlich hatten sie bei ihrem letzten Einkauf in dem Laden einige höchstwichtige Lebensmittel vergessen. Jody grinste, als sie sich an Sam's Gesichtsausdruck erinnerte, als diese bemerkt hatte, dass sie die Sahne für Sam's heißgeliebte Pavlova vergessen hatten. Jody hatte angeboten stattdessen etwas anderes zu machen, doch Sam bestand darauf loszufahren und etwas Sahne zu besorgen. "Oh meine kleine Holländerin und ihr Leckermaul," schmunzelte Jody vergnügt und tätschelte ihrem, fünf Monate alten Deutschen Schäferhund, Kurt auf den Kopf. Mit sanftmütigen braunen Augen blickte er zu ihr auf und wedelte träge mit seinem Schwanz. Der Hund hatte ein gutes Leben. Er hatte zwei Menschen, die ihm all seine Bedürfnisse erfüllten und eine Menge Platz zum herumstromern, was er auch ausgiebig tat. "Wie ich deine Mommy kenne, wird sie dir etwas von der Sahne reservieren," kicherte Jody. "Sie verwöhnt dich einfach schrecklich, Kurt." Der Schäferhund war ein Geschenk von Brian und Chris, die ihnen gesagt hatten, dass sie ihr Haus liebten, doch sie sich ein wenig Sorgen über die Abgeschiedenheit machten. Ein guter Wachhund gäbe ihnen ein besseres Gefühl, und eines Tages waren sie mit dem anbetungswürdigen, tollpatschigen Welpen aufgetaucht. Jody und Sam hatten sich augenblicklich in den Hund verliebt und seit er ein Familienmitglied geworden war, hatten sie über jeden seiner Streiche gelacht und seine Anwesenheit genossen.
Die Erinnerungen verblassten nie. Sie hafteten an ihrer Seele wie ein dichter, frostiger Nebel. Füllten die Löcher in ihrem Denkvermögen mit kalten Bildern und die Lücken in ihrem Herzen mit eisiger Kälte. Selbst in der Sommersonnenwende waren die Nächte entschieden zu lang. Schlaf war etwas fremdes geworden, und selbst wenn Erschöpfung sie in willkommene Dunkelheit tauchte, dann kamen die Träume. Es war die Hitze der Flammen die sie auffraß und stumm schreien ließ. Sie konnte sehen wie sie, nach einem kleinen Kind greifend, mitten in einem Raum stand. Ihre Hände berührten sich fast während sich das Feuer um sie herum ausbrach. Sie war so nah. Doch dann erreichten die lodernden Flammen ihre nackte Haut und sie wachte schweißgebadet auf. Das Bild von einem Paar aufgerissenen, panikerfüllten Augen hatte sich in ihren Verstand eingebrannt. Ein schmächtiges Mädchen, das nicht älter als fünfzehn Jahre aussah, starrte mit einem gelangweilten Ausdruck auf ihrem blassen Gesicht zu dem Menschengewühl. Sie hatte eine abgeschnittene Jeans und ein übergroßes graues T-Shirt an, das um ihren Körper herumschlenkerte. Die sanfte Ozeanbrise spielte mit ihren langen, blonden Haaren und wehte hin und wieder eine Strähne in ihr Gesicht. Ungeduldig schob sie sie immer wieder weg um ihre Sicht auf den Eingang des Hotels nicht zu beeinträchtigen. Gefühllose Augen folgten einer kleinen Gruppe Mädchen, die das Hotel gerade verlassen hatten. Sie waren angezogen, als ob sie zum Strand gehen wollten. Mit kurzen Wickelröcken, Bikini-Tops und die Taschen lässig über ihre Schultern drapiert. Sie gingen nah beieinander und als sie in Gelächter ausbrachen, schnaufte das Mädchen das sie beobachtete leise. Unbewusst hatte sie einen Mundwinkel verächtlich hochgezogen und ballte ihre Hände zu Fäusten. "Idioten," brummte sie leise während sie sich weigerte der kleinen Stimme in ihrem Kopf zuzuhören, die sie zu einer Diskussion verleiten wollte. Sie ignorierte diese Stimme immer öfter. In der Vergangenheit war sie manchmal ein Trost gewesen, besonders in diesen kalten, nassen Winternächten, wenn sie zu einem Ball zusammengerollt hinter dem Schuppen eines Gartens lag oder sich hinter einigen dichten Büschen zusammengekauert hatte. In diesen Momenten hatte ihr die Stimme, mit den Gesprächen über die Zukunft und bessere Zeiten, Hoffnung gegeben. Doch mit der Zeit fing sie an sie zu ignorieren. Die Dinge waren nicht besser geworden. Sie war noch immer dem Regen, der Kälte und der brennenden Sommerhitze ausgesetzt. "Mein Leben wird niemals so sein," folgerte sie mit ihren schmalen Schultern zuckend und konzentrierte ihren Blick wieder auf den Eingang des Hotels. Für gewöhnlich hielt sie sich nie lange an einem Ort auf, doch das Wetter war schön. Es war Sommer und es war heiß, doch der Strand, die Brise, die vielen Bäume und die leichtgläubigen Touristen machten ihr das Leben ein wenig leichter. Vor einigen Tagen war sie einer Frau begegnet, die im Hotel arbeitete. Sie war versehentlich mit ihr zusammengestoßen und ein paar freundliche, grüne Augen in einem sommersprossigen Gesicht, hatten sie angelächelt. Und zu ihrer eigenen Verwunderung hatte sie zurückgelächelt. Zum ersten Mal, seit... einer sehr langen Zeit, hatte sie tatsächlich jemand angesehen. Hatte ihre Existenz anerkannt. Gab ihr das Gefühl ein Mensch und nicht nur ein Ärgernis der Gesellschaft zu sein. Anscheinend hatte die Frau ihr herumlungern am Strand und um das Hotel herum bemerkt, doch sie stellte ihr niemals Fragen. Als sie an diesem Abend aus dem Hotel herauskam blieb sie stehen und suchte mit ihren Augen den kleinen Park vor dem Gebäude ab, bis ihre Augen sich trafen. Schweigend kam sie zu ihr gelaufen und reichte ihr eine Tüte. "Hier, ich dachte das es dir gefallen würde," hatte sie erklärt ohne ihren britischen Akzent ganz verbergen zu können. Danach hatte sich die Frau herumgedreht und war in der Tiefgarage verschwunden. Der verlockende Geruch, der aus der Tüte strömte, ließ dem Mädchen das Wasser im Mund zusammenlaufen und ungeduldig riss sie sie auf. In der Tüte waren mehr Lebensmittel als sie für gewöhnlich während einer ganzen Woche sah. Kleine Brötchen, Sandwiches, ein paar Riegel Süßigkeiten und Obst. Etwas im hintersten Winkel ihres Verstandes war eingerastet und für eine Sekunde wollte sie aufspringen und der Frau für das Geschenk danken. Doch primitivere Bedürfnisse hatten schnell die Oberhand gewonnen und diesen Gedanken aufgebend versanken ihre Zähne in ein Hähnchensalat-Sandwich und sie stöhnte vor Vergnügen als sich die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen in ihrem Mund entfalteten. Von dem Tag an, hatte sie beständig in dem Park gewartet bis die Frau Feierabend machte. Und sie war nie mit leeren Händen davongegangen. Das Mädchen hatte fast Schuldschuldgefühle und schämte sich, das sie sich auf jemanden anderen verließ, um ihr etwas zu Essen zu geben. Doch die Vernunft hatte gesiegt und das Schamgefühl wurde schnell in den Hintergrund geschoben. Das Leben auf der Strasse hatte sie gelehrt niemals eine Gelegenheit auszulassen. Eines Tages würde die freundliche Frau ihrer überdrüssig werden und zweifellos würden dann die Gaben ausbleiben. Doch bis dahin war das Mädchen entschlossen in der Nähe zu bleiben bis es an der Zeit war weiterzuziehen.
"Joan, wenn du nicht Obacht gibst, dann wird der Park bald nur so vor Kindern wimmeln," warnte Peter Sutton die Frau, die seine Küche nach Speiseresten absuchte. "Ich will damit sagen, dass ich deine Tat zu schätzen weiß, doch du kannst nicht allen helfen." "Ich weiß," erwiderte Joan McDonnell seufzend. "Ich wünschte, ich könnte es. Doch Pete, wenn ich nur einem Kind helfen kann, dann ist es das wert. Außerdem, ist da etwas Besonderes an dem Mädchen." "Sie ist eine Ausreißerin, Kollegin," murmelte Pete während er ein großes Stück gekochten Schinken abschnitt, es sorgfältig in Folie einpackte und der kleineren Frau reichte. "Wie du weißt, sind die meisten von ihnen kriminell. Sie könnte eine jungendliche Kriminelle sein." "Meine älteste Tochter war auch einmal eine Ausreißerin," antwortete Joan sanft. "Aber es hat ihr jemand geholfen und sich um sie gekümmert, Pete. Wir reden hier über Kinder." Peter Sutton trocknete bedächtig das abgespülte Messer ab und drehte sich zu der Frau, die er inzwischen als Freundin betrachtete. "Du hast recht," gab er schließlich zu. "Sie ist ein Kind von jemandem. Es könnte sein, das ihre Eltern nach ihr suchen. Aber du kannst sie nicht mit hierher bringen, Jo. Was willst du machen?" Joan sammelte einige Gebäckstücke zusammen und steckte sie in die bereits volle Tüte. Lächelnd blickte sie zu dem Küchenchef vom The Reef auf." "Ich denke, ihr Vertrauen gewinnen," entgegnete sie wahrheitsgemäß. "Danach... ich weiß nicht. Wir werden es sehen. Wie ich schon sagte, da ist etwas an dem Kind. Ich kann es nicht erklären, aber..." "Du wirst es herausfinden," unterbrach sie Peter schmunzelnd. Mit seiner Hand wedelnd scheuchte er seine Freundin aus seinem Herrschaftsbereich heraus. "Geh schon!" Sagte er. "Das Kind muss am verhungern sein. Wir sehn uns morgen, Joan." "In Ordnung, Pete. Ich wünsch dir einen schönen Abend. Und danke für den Schinken!" "Nicht der Rede wert," bemerkte Peter und wandte sich schnell ab um ihren funkelnden Augen zu entgehen. "Und richte deinem klugen Kind aus, das ich an diesem Wochenende etwas Hilfe gebrauchen könnte. Falls sie interessiert ist." "Oh, das ist sie bestimmt," lachte Joan. "Fiona spart für ein eigenes Pferd. Sie wird kommen." "Prima! Nun geh! Ich dachte, das du zum Essen eingeladen bist. Deine Mädchen werden schon auf dich warten. Tschüss Joan." "Ich hab Jody bereits angerufen und ihr gesagt, das ich ein wenig später komme. Tschüss Peter," verabschiedete sich Joan McDonnell lachend als sie die Küche verließ und zurück zur Rezeption ging, um dort ihre Handtasche vom Schreibtisch zu holen. "Bis morgen Brian," verabschiedete sie sich winkend vom Assistenzmanager, der gerade den Flur hinunterging. Die Mutter seiner Chefin anlächelnd winkte Brian zurück. "Tschüss Joan. Sag deinen Mädchen ein Hallo von mir." "Das mach ich," entgegnete Joan grinsend, sie wusste, das nachdem Brian in der Eingangshalle vom The Reef niedergeschossen worden war, Jody und Sam mit Brian und seinem Partner Chris eine sehr enge Freundschaft geschlossen hatten. Es war in vielerlei Hinsicht eine schreckliche Zeit gewesen, sinnierte Joan als sie das klimatisierte Gebäude verließ und in die Hitze des sommerlichen Nachmittags hinaustrat. Es waren in sehr kurzer Zeit so viele Dinge geschehen. Und noch immer dankte sie Gott jeden Tag dafür, das er ihre Familie beschützte.
Draußen schielte Joan McDonnell gegen die grelle Sonne und suchte nach einem bereits vertrauten Gesicht. Sie verbarg ein zufriedenes Lächeln, als eine schmächtige Gestalt im Schatten der Bäume auftauchte. Langsam kam das Mädchen auf sie zu und plötzlich verglich Joan den Teenager mit einer Wildkatze. Erschrocken und vorsichtig, jedoch auch neugierig und hungrig. Die geschmeidige Gestalt strahlte Anspannung aus und Joan wusste, das sich das Mädchen in dem Bruchteil einer Sekunde umdrehen und davonlaufen konnte. Als das Mädchen näher an Joan herangekommen war blickte sie in ein paar nervöse blaue Augen und reichte ihr lächelnd die Tüte mit den Leckerbissen. Für einen Augenblick sahen sie sich in die Augen und wieder schlich sich der Hauch eines Lächelns auf das Gesicht des Mädchens. Joan versuchte ihre Aufregung zu verbergen, doch innerlich sprudelte sie vor Freude. Es war die erste sichtbare Reaktion des Mädchens und in Joan's Augen war das ein Schritt in die richtige Richtung. "Bis morgen," sagte sie lächelnd und wollte eine verirrte blonde Strähne vom Gesicht des Mädchens schieben, so wie sie es bei ihren Töchtern schon tausendmal gemacht hatte. Doch Joan hielt sich zurück, instinktiv wusste sie, das das Mädchen diese Geste nicht schätzen und wahrscheinlich davonrennen würde. Das Mädchen gab keine Reaktion von sich, obwohl sie tief in ihrem Inneren etwas fühlen konnte, von dem sie dachte, das es schon lange tot war: Hoffnung. Die Tatsache, das sich die Frau um eine vollkommen Fremde, eine heimatlose Ausreißerin, kümmerte und ihr jeden Tag nach der Arbeit etwas zu Essen brachte, erfüllte sie mit Dankbarkeit und Neugier. Es war für das Mädchen offensichtlich, das sie der Frau wirklich etwas bedeutete. Ihr Verhalten war so anders als die empörtem, mitleidigen und aufgebrachten Blicke, die sie sonst erhielt. Es war verwirrend. Als Joan sich umdrehte um zum Parkhaus zu gehen hörte sie einen unbekannten Ton. Eine heisere, selten benutzte Stimme sagte leise: "Danke." Ein strahlendes Lächeln zog sich über Joan's Gesicht, doch sie drehte sich nicht um. "Gern geschehen," rief sie über ihre Schulter während sie ihrem Weg zu ihrem Wagen fortsetzte. Das Mädchen starrte der davongehenden Frau, die so unglaublich nett zu ihr war, hinterher. Dieser Frau zu danken, hatte sie selbst überrascht und erschrocken. Als die Worte ihren Mund verließen war sie instinktiv, in der Erwartung, das sich die Frau umdrehen und mit ihr ein Gespräch anfangen würde, zurückgeschritten. So wie es in der Vergangenheit eine Menge Leute getan hatten. Sie hatten gefragt warum ein junges Mädchen wie sie, sich auf der Strasse herumtrieb. Erkundigten sich über ihre Eltern. Einige wollten sogar wissen wo sie ihre Nächte verbrachte. So, als ob ihnen die Gabe von ein paar Dollar oder Essen, ihnen das Recht gab in ihr Leben einzudringen. Doch diese Frau war so anders. Sie gab und erwartete nichts als Gegenleistung. Sie war einfach nur großzügig und freundlich. Und zum Erstaunen des Mädchens fühlte sie, wie sie lächelte. Sie ging in den Schatten der Bäume zurück und öffnete hastig die Tüte. Ihre Augen weiteten sich als sie die riesige Scheibe Schinken sah und postwendend lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Einen dankbaren Blick in die Richtung der freundlichen Frau, die gerade die Stufen zum Parkhaus hinunterging, werfend, sah sie auf. Als das Mädchen das Fleischstück auswickelte und ungeduldig einen großen Brocken davon abriss um es sich in den Mund zu stecken, fielen ihre Augen auf zwei Gestalten vor dem Parkhaus. Zwei Teenager, ein Junge und ein Mädchen, die etwas älter als sie zu sein schienen. Sie sahen sich hastig um, so als ob sie die Umgebung abtasteten. Als das Mädchen sah wie sie sich zunickten und im Parkhaus verschwanden, wusste sie, das es nur Ärger bedeuten konnte. Normalerweise hätte es sie nicht weiter interessiert. Sie hatte eine Menge Verbrechen und Gewalt auf den Strassen gesehen und für gewöhnlich sorgte sie dafür, so weit wie möglich davon wegzubleiben. Doch diesmal war es etwas anderes. Es war offensichtlich, dass das Pärchen der netten Frau folgte. Einen Moment zögerte sie, doch dann schnappte das Mädchen ihre kostbare Tüte, sprang auf und rannte über den Vorplatz zum Eingang der Garage. Sie hatte keine Ahnung was sie tun sollte, wenn sie dort war, doch eine kleine Stimme sagte ihr, das sie der Frau zumindest ihre Bedenken schuldete. Ein kurzer Rundumblick sagte ihr, das sich in dem Bereich nur einige Leute aufhielten und ohne weiter nachzudenken spurtete sie die Stufen hinunter. Einige Sekunden später stand sie in dem kühlen, schwach beleuchteten Parkhaus. Sobald sich ihre Augen an die relative Dunkelheit gewöhnt hatten sah sie, wie zwei Gestalten über einer Person standen, die auf dem Boden lag. Das Mädchen stieß grob das Gesicht der Frau nach unten, während der Junge versuchte ihr die Handtasche von der Schulter zu reißen. "Hey! Lasst sie in Ruhe," schrie das Mädchen und spürte wie Wut in ihr aufstieg. Sie rannte zu ihnen und ohne ihr Tempo zu verlangsamen warf sie sich auf den wesentlich größeren Jungen. Erschrocken durch ihre Aktion stolperte er nach vorne und prallte mit seinem Kopf gegen die Seite eines Wagens. Er brauchte einige Sekunden um die Spinnweben und die plötzliche Benommenheit abzuschütteln. "Miststück!" Brüllte er. Doch dem Mädchen war klar, dass sie nicht warten konnte bis er wieder auf seinen Füßen war. Mit einem wütenden Schrei wandte sie sich seiner Freundin zu und schlug ihr mitten ins Gesicht. Blut spritzte aus der Nase des Mädchens und sich das schmerzende Körperteil haltend stolperte sie, ihre junge Angreiferin mit lauten Flüchen bombardierend, zurück. "Scher dich zum Teufel und lass uns in Ruhe," schrie das Mädchen. In der Zwischenzeit hatte sich der Junge auf seine Füße gerappelt und wollte gerade auf sie losgehen, als ihn ein Geräusch unterbrach. Sie hörten alle wie jemand die Stufen hinunterlief und ohne nachzudenken rannte er, gefolgt von seiner Freundin, quer durch das Parkhaus zum Eingang zurück. Das Mädchen warf ihnen noch einen mörderischen Blick hinterher und beugte sich dann schnell nach unten, um die anscheinend benommene Frau zu untersuchen. Sogar in der schwachen Beleuchtung konnte sie sehen, wie sich an der Seite ihres Kopfes eine große Beule bildete und dem Mädchen war klar, dass sie einen harten Schlag abbekommen haben musste. Sich neben die Frau kniend legte sie eine Hand auf ihre Schulter und schüttelte sie behutsam. Zu ihrer Erleichterung sah sie, wie sie leise stöhnend langsam ihre Augen öffnete. Das Mädchen wollte gerade wieder aufstehen, als plötzlich von hinten eine Hand ihr Shirt packte und sie grob wegzog. "Du kleines Miststück!" Erklang eine zornige Männerstimme. "Was hast du gemacht? Sie sollten endlich die Strassen von Menschen deiner Sorte säubern." Das Mädchen kämpfte freizukommen, doch sie musste feststellen, das sie mit einem eisernen Griff festgehalten wurde. Der Mann zog sie sogar noch näher und plötzlich geriet das Mädchen in Panik. Es war, als würde sie von Dunkelheit überschwemmt und sie hatte das Gefühl zu ertrinken. Sie schluckte, da ihr Atem unregelmäß wurde und ihr Herz raste. Ein tiefes Summen schallte in ihren Ohren. Ihre Augen registrierten wie sich die Frau langsam herumdrehte und sich aufsetzte. Sie sah wie sie ihre Lippen bewegte, doch sie konnte keinen Ton hören. Das einzige was sie wahrnahm war der stählerne Griff an ihrem Körper und der Atem des Mannes an ihrem Ohr. Eine Stimme im hintersten Winkel ihres Verstandes wiederholte immer wieder, wie eine Mantra, die gleichen Worte: "Nie wieder. Nie wieder." Mit einer Kraft, geboren aus Panik und genährt durch Adrenalin, schaffte es das Mädchen sich freizukämpfen. Sie spürte nicht einmal wie ihre Haut brannte, dort wo der Mann versuchte sie festzuhalten. Ihr schmächtiger Körper tauchte auf den Boden ab und verschwand unter einem geparkten Geländewagen, wo sie sich zu einem Ball zusammenrollte und langsam vor und zurückwiegte. Joan McDonnell hatte die sich nähernden Schritte nicht gehört, bis es zu spät war. Bevor sie sich umdrehen konnte fühlte sie einen heftigen Schlag an der Seite ihres Kopfes und unversehens hatten ihre Knie versagt. Unfähig den Fall zu verhindern war sie auf den ölverschmierten Betonboden gestürzt, und kämpfte darum ihr Bewusstsein nicht zu verlieren. Sie hatte gespürt wie jemand versuchte den Riemen ihrer Handtasche von ihrer Schulter zu ziehen und instinktiv hatte sie sie näher an ihren Körper gepresst. Den Schrei eines Mädchens nahm sie kaum wahr. Und Erleichterung überkam sie, als die Hände, die ihr Gesicht herunterdrückten sie losließen. Eine zärtliche Hand auf ihrer Schulter brachte sie wieder zu Bewusstsein und als sie schließlich ihren Kopf heben konnte um sich umzudrehen, konnte sie das panikerfüllte Gesicht des Mädchens vom Park sehen. Völlig verwirrt sah Joan, wie das Mädchen sie losließ und unter einen Wagen abtauchte, der neben ihrem parkte. Mit angsterfüllten Augen sah sie zu dem großen, kräftigen Mann hoch, der neben ihr kniete und sie wollte gerade von ihm wegkriechen als seine freundlich gesprochenen Worte letztendlich zu ihr durchdrangen. "Die Polizei und der Krankenwagen sind unterwegs, Ma'am," versuchte er sie zu beruhigen als er die Verwirrung und Angst in ihren Augen sah. "Sie sind jetzt in Sicherheit. Diese kleine Ganovin versteckt sich unter dem Wagen, aber keine Sorge, die Polizei wird sich ihrer annehmen." Joan schüttelte ihren Kopf um sich von dem Nebel, der noch immer ihre Denkfähigkeit beeinflusste zu befreien, doch das einzige was dabei herauskam war ein stechender Schmerz an der Seite ihres Kopfes. "Autsch," stöhnte sie, sich mit ihrer Hand an den Kopf greifend und fühlte die große Beule. Ihre Augen fielen auf eine Papiertüte auf dem dunklen Betonboden. Sie war aufgerissen und sie entdeckte die große Scheibe Schinken, die Peter Sutton erst vor kurzem sorgfältig in Folie eingewickelt hatte. Langsam ließ die Benommenheit nach und der verwirrte Gesichtsausdruck wurde von einem besorgten ersetzt. "Wo sagten sie, ist das Mädchen?" Fragte sie mit immer noch bebender Stimme. "Sie ist unter diesem Wagen," bemerkte der Fremde. "Sie ist zu Tode erschrocken. Doch sie müssen sich keine Sorgen machen, ich bin sicher, dass die Polizei sie dahin sperren wird, wo sie hingehört. Verdammtes Straßenkind." Mit dem Versuch ihre Gedanken zu ordnen, rieb Joan behutsam ihren wunden Kopf. "Oh.... ich... aber sie verstehen nicht. Sie..." Die Ankunft eines Streifenwagens, gefolgt von einem Krankenwagen unterbrach sie und sichtbar erleichtert stand der Mann auf, um den Beamten die gerade aus dem Wagen sprangen entgegenzutreten. Einer von ihnen war eine große Frau mit kurzen, gelockten Haaren. Ihre blaugrünen Augen erfassen den Anblick vor sich und als sie das Opfer auf dem Boden sah, verblasste ihr gebräuntes Gesicht sichtbar. "Joan," rief sie, sich neben die Frau hinkniend und legte eine Hand auf ihre Schulter. "Oh mein Gott, bist du in Ordnung?" "Hey Trish," begrüßte Joan die vertraute Polizistin. "Ich... ich bin mir nicht sicher. Irgendjemand hat mir auf den Kopf geschlagen." "Sie versteckt sich unter diesem Wagen," bemerkte der Fremde. "Ein Mädchen, recht schmächtig, aber sie kämpf wie eine Wildkatze." Sofort kniete sich Peter Jones, Trish's Partner neben den SUV und zog das Mädchen grob von ihrem Versteck hervor. Sie war noch immer zu einem Ball zusammengerollt, während Tränen unter ihren fest geschlossenen Augenlidern hervorquollen. Als er sie so sah schaute er verwirrt zu seiner Partnerin. "Ähm... Trish?" Trishia Waters stand auf um einem Sanitäter Platz zu machen und ging zu ihrem Partner hinüber. Sie zog ihre Stirn kraus als sie das Mädchen erblickte. Ihrem erfahrenen Blick nach passte das Mädchen vor ihr nicht in eines der gewöhnlichen Profile einer jugendlichen Verbrecherin. Zögernd blickte sie zu ihrem Partner, der sie nur schulterzuckend anblickte um damit auszudrücken, das er auch nicht wusste was zu tun sei. Joan war nun wieder einigermaßen bei Verstand und schob freundlich die Hand des Sanitäters weg, der die Beule an ihrem Kopf untersuchte. "Nur eine Minute, Bitte," bat sie. "Können sie mir auf die Füße helfen?" "Sind sie sicher, das sie das wollen? Sie könnten eine..." "Bitte," wiederholte Joan und streckte ihre Hand dem jungen Sanitäter entgegen. Nickend ergriff er ihre Hand, während er mit der anderen um ihre Schulter glitt um ihr vorsichtig auf die Füße zu helfen. Joan lächelte ihn dankbar an und auf noch wackeligen Beinen ging sie, flankiert von dem Sanitäter, der offensichtlich kein Vertrauen in ihren körperlichen Zustand hatte, zu den beiden Polizisten. Ihre Hand auf Trishia's Rücken legend blickte sie auf das Mädchen am Boden hinunter. Ihr Herz ging für den Teenager auf, die so unglaublich jung und verwundbar aussah. Plötzlich fühlte sie, wie Tränen in ihre Augen traten. "Trish, sie war es nicht," sagte sie sanft während sie ihre Augen nicht von dem Mädchen abwandte, das immer noch langsam vor- und zurückwiegte. "Hast du gesehen wer dich überfallen hat?" Fragte Trishia mit dem Wissen, das Joan eine anteilnehmende Frau war, der Leute, die von der Gesellschaft als ein Ärgernis und als nicht existent betrachtet wurden leid taten. "Nein, das hab ich nicht," antwortete Joan wahrheitsgemäß. "Aber ich weiß, das sie es nicht getan hat." "Mit allem Respekt, Mrs. McDonnell, aber sie ist die einzige hier," warf Peter Jones ein und blickte hilfesuchend zu seiner Partnerin. "Aber, es waren zwei," erklärte Joan. "Dessen bin ich mir sicher. Einer schlug mir auf den Kopf während der andere mein Gesicht auf den Boden gedrückt hat. Sie hatten versucht meine Handtasche zu stehlen. Und ich... ich kenne dieses Mädchen irgendwie. Jedes Mal nach der Arbeit... schau ich vorbei um ihr etwas zu Essen zu geben." Joan zeigte auf die aufgerissene Tüte am Boden. Ein schweigender Zeuge dessen, was in dem Parkhaus geschehen war. "Ich glaube nicht, das sie mich verletzen würde," schloss sie mit vertrautensvoller Stimme. "Aber sie kennen sie nicht wirklich, Mrs. McDonnell," folgerte Peter. "Manchmal lungern diese Kinder nur auf eine Gelegenheit wartend, einfach herum." Trishia biss sich auf ihre Lippe und drehte sich zu dem Mann der sie angefordert hatte um. "Was genau haben sie gesehen, Sir?" Fragte sie. "Nun ja," begann der Mann zögernd während er versuchte seine Gedanken zu ordnen. "Als ich aus dem Hotel herauskam sah ich wie dieses Mädchen in das Parkhaus lief. Einige Augenblicke später hörte ich ein Geschrei und Gebrüll, also bin ich hingerannt und sah dieses Mädchen neben der Dame sitzen." "Was hat sie gemacht?" "Ähm... ich glaube, sie saß einfach nur da. Sie hatte ihre Hand auf ihrer Schulter und sie irgendwie geschüttelt. Ähm... ich..." "Geschüttelt oder geschlagen?" Fragte Peter sachlich. "Nun ja, sie hat sie nicht geschlagen," antwortete der Mann wahrheitsgemäß. "Als ich hereingerannt bin, kam es mir so vor, doch wenn ich jetzt noch mal darüber nachdenke bin ich mir nicht sicher." "Sie sagten, das sie eine Schreierei gehört haben," wiederholte Trishia. "Können sie mir sagen, ob sie unterschiedliche Stimmen hören konnten?" Die Polizistin freundlich anblickend rieb der Mann sein Gesicht. Sie sah wie eine nette, vernünftige Frau aus, die Art, die jeder gerne als Nachbarin hätte. Aber Blicke konnten täuschen, weil er unter dem freundlichen Gesichtsausdruck eine wachsame Intelligenz erkennen konnte. Diese Frau war jemand, den man wahrscheinlich nicht unterschätzen sollte. "Das hab ich tatsächlich," entgegnete er schließlich leicht überrascht. "Da war auch eine Männerstimme. Er schrie Miststück. Und ich hörte ein Mädchen schreien lasst sie in Ruhe." Bedächtig nickend lächelte ihn Trishia an. "Würden sie mit uns zum Revier kommen, damit wir ihre Aussage aufnehmen können?" "Ja natürlich," antwortete der Mann, sich leicht töricht fühlend, da er offensichtlich falsche Schlüsse gezogen hatte. "Was machen wir mit dem Mädchen, Trish?" Fragte Peter. "Wenn möglich kommt sie mit uns," erwiderte Trishia den Sanitäter heranwinkend. "Könntest du bitte eine Beurteilung abgeben?" Der Sanitäter kniete sich neben dem Mädchen hin und legte seine Hand auf ihre Schulter. Augenblicklich verspannte sich ihr Körper und ihre Augen flogen auf. Als sich ihre blauen Augen auf den Fremden konzentrierten, konnte jeder Anwesende ihre aufsteigende Panik sehen. Der Sanitäter war kein Anfänger und das jahrelange Fahren in einem Krankenwagen hatten ihm eine Menge Menschenkenntnis vermittelt. Langsam nahm er seine Hand weg und vergrößerte den Abstand zwischen ihm und dem Mädchen ein wenig. Es war klar für ihn, dass das Mädchen bei körperlichem Kontakt erschrak, und grimmig dachte er an die möglichen Ursachen dafür. "Ich tu dir nicht weh," sagte er in einer freundlichen, besänftigenden Stimme. "Mein Name ist Gary. Ich bin Sanitäter und ich will nur sicherstellen, das du in Ordnung bist. Ist das okay?" Das Mädchen antwortete nicht, doch die Panik in ihren Augen veränderte sich langsam zu Vorsicht. Ihr Blick wanderte zu Joan McDonnell, die sie besorgt anblickte. "Mir geht es gut," entgegnete das Mädchen. "Ich glaube sie... braucht ihre Hilfe nötiger. Sie haben ihr gegen den Kopf geschlagen." Bedächtig nickend lächelte Gary. Er bemerkte die schnelle Erholung, und obwohl das Mädchen immer noch sehr blass war, erkannte er, das sie zumindest im Augenblick in Ordnung war. Wieder stehend, blickte er von Trishia zu Joan und hob eine Augenbraue. "Bring sie in die Klinik, Gary," sagte Trishia. "Diese Beule muss untersucht werden." Sehend, das Joan protestieren wollte hob Trishia abwehrend ihre Hand. "Joan, du musst das wirklich untersuchen lassen. Ich weiß, das du nach Hause willst. Ich weiß, das du heute abend Pläne hast, aber tu mir bitte den Gefallen, okay? Lass es untersuchen." Joan erkannte, das Trishia's Bitte vernünftig war, doch immer noch glaubend, das ihre Verletzung nicht so schlimm war, sträubte sie sich dagegen. "Was ist mit meinem Wagen?" Versuchte sie einzuwenden, was ihr ein Lächeln der Polizistin einbrachte. "Meine Schicht ist in ein paar Stunden vorbei. Ich werde Lucy bitten mich abzuholen, damit wir deinen Wagen holen und ihn vor deiner Zufahrt abstellen können. Heute abend auf der Heimfahrt von Jody kannst du mit uns fahren. Und ich rufe Jody an und bitte sie dich in der Klinik abzuholen." Joan konnte nichts gegen Trishia's Vorschlag vorbringen, und obwohl widerwillig, nickte sie zustimmend. "In Ordnung," erwiderte sie seufzend. "Aber ich mag es nicht, wenn man so einen Wirbel um mich macht. Was geschieht mit... wie heißt du, Liebes?" Fragte sie das Mädchen. Das Mädchen blickte ungewiss auf, doch sie konnte nur Freundlichkeit in Joan's Gesicht erkennen. Zögernd wanderten ihre Augen zu Trishia und Peter, die allein dadurch, das sie Polizisten waren, automatisch ihre Feinden waren. "Ich kann dich nicht ewig das Mädchen, das mich rettete nennen, nun kann ich?" Scherzte Joan liebevoll. "Alice," flüsterte das Mädchen. "Der Name gefällt mir," erwiderte Joan lächelnd. "Meine Mutter hieß Alice, und sie war eine tolle Dame. Ich weiß nicht wie ich dir danken soll, Alice. Ich weiß, das diese Polizisten dir Millionen Fragen stellen werden, aber mach dir nichts draus. Es ist ihr Job. Grundsätzlich sind sie nette Leute." "Oh Mann, danke Joan," murmelte Trishia, die nicht wusste, ob sie sich ärgern oder lachen sollte. Mit dem Wissen sie nicht zu berühren, schritt Joan McDonnell näher zu dem Mädchen. Aber sie musste dem Mädchen in die Augen sehen. "Ich meine es ehrlich, wenn ich dir sage wie dankbar ich dir bin, Alice. Gott weiß was geschehen wäre, wenn du nicht aufgetaucht wärst. Wenn es irgendetwas gibt, das ich für dich tun kann, dann lass es mich einfach wissen, okay?" Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Du weißt wo ich arbeite." Alice senkte ihre Augen und sah so unbehaglich aus wie sie sich fühlte. Gefühle waren für sie fremd geworden und sie wusste nicht wie sie auf Joan's freundliche Worte reagieren sollte. "Danke für das Vergnügen," flüsterte sie schließlich. "Ich meine... das Essen." "Äußerst gern geschehen, Liebes," entgegnete Joan während sie gegen das Bedürfnis kämpfte das Mädchen zu umarmen und all ihre Dämonen zu vertreiben. "Ich danke DIR." Joan drehte sich um und ging langsam zu dem Krankenwagen. Als sie an Trishia vorbeiging, legte sie ihre Hand auf den Arm der größeren Frau und sah zu ihr auf. "Ich weiß, dass ich dir nicht zu sagen brauch wie du deine Arbeit zu tun hast," sagte sie gutmütig. "Ich weiß, das du ständig mit Ausreißern zu tun hast, doch glaub mir Trish, da gibt es etwas an dem Kind. Sei bitte behutsam. Und wenn es irgendetwas gibt, das ich tun kann..." "Dann werd's ich dich wissen lassen," versprach Trishia. "Jetzt geh mit Gary und lass dich untersuchen, und ich ruf Jody an. Okay? Ich seh dich heute abend." "Das ist gut Liebes," erwiderte Joan. "Oh, und Trishia? Gibt dem armen Ding bitte etwas zu Essen, ich weiß, dass sie wirklich hungrig sein muss."
Träge ihren Körper streckend gähnte Jody schamlos. Ihr Kiefer klappte zusammen als das Telefon zum zweiten Mal in einer Stunde läutete und schnell ergriff sie das klingelnde elektronische Teil, das auf dem Tisch neben ihr lag. "Hallo?" Ihr Gesicht erhellte sich, als sie die vertraute Stimme am anderen Ende erkannte, doch bekam schnell einen besorgten Ausdruck, als sie die Nachricht hörte. "Was? Ist sie in Ordnung?" "Nein! Natürlich nicht. Sam ist einkaufen, doch ich erwarte sie jeden Augenblick zurück. Natürlich holen wir sie ab. In welcher Klinik ist sie?" "Sicher... klar... mach dir keine Sorgen Trish... Okay, bis später. Tschüss." Jody schob ihr rotblondes Haar, das ihr beinahe in ihre grünen Augen fiel, zur Seite und plötzlich war sie hellwach. Sie warf einen Blick zu dem neben ihr sitzenden Hund und seine wachsamen braunen Augen starrten sie, sich offensichtlich der Sorgen seiner Herrin durchaus bewusst, an. "Es ist okay Junge," beruhigte sie ihn, während sie versuchte ihren rasenden Herzschlag zu normalisieren. "Jemand hat versucht meine Mutter zu überfallen, doch sie ist in Ordnung. Wir müssen los und sie abholen. Wo zum Teufel steckt Sam?" Als Antwort auf ihre Frage sprang Kurt plötzlich auf und blickte zur Auffahrt. Jody konnte weder einen Wagen sehen noch irgendetwas hören, außer dem Wind der durch die Bäume raschelte und dem hellen Ton einer Nachtschwalbe. Doch inzwischen kannte sie ihren Hund und hatte begriffen, das er lange bevor sie oder Sam es mitbekamen, wusste wenn jemand kam. Die Tatsache, dass er nicht bellte, sagte ihr, das Sam den Hügel heraufkam und sie rannte schnell ins Haus um sich eine Shorts und ein T-Shirt anzuziehen. Mittlerweile saß Kurt wie eine Statue auf der Veranda und starrte mit spitzen Ohren und wachsamen Augen zur Auffahrt.
~~~ ENDE - Kapitel 1 ~~~
Wie es weiter geht könnt ihr in Kapitel 2 lesen. Kommentare und Feedback sind willkommen unter: ripplesintime@hotmail.com
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