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Versäumt bitte nicht die allgemeinen Hinweise in Kapitel 1 zu lesen!

 

 

 

 

 

 

Murrook Farm - Kapitel 9

   

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Murrook Farm
by Lois Kay

Kapitel 9

 

Das Gras war von der kühlen Nachtluft noch feucht, als eine schlanke Gestalt ruhig den Hügel hinaufkam. Starke Beine trugen langsam aber entschlossen einen muskulösen Körper immer näher dem Haus auf dem Hügel entgegen. Es war ungewöhnlich still, kein Lebenszeichen war auf der Veranda oder dem angrenzenden Küchenbereich zu hören.

Vor Erwartung glänzende Augen suchten die Umgebung nach dem Hund ab und fanden ihn schlafend an seinem gewohnten Platz bei der Tür.

Die Gestalt wusste, dass der Hund jeden Augenblick aufwachen und Alarm schlagen konnte, also machte sie einen weiten Bogen um die Vorderseite des Hauses. Kein Geräusch entschlüpfte dem Eindringling, während er sich zur Rückseite schlich. Seine Füße hinterließen leichte Spuren im Gras.

Mit unfehlbarer Genauigkeit näherte sich die schleichende Gestalt dem Schlafzimmerfenster. Vorsichtig sah sie sich um, alles schien sicher.

Eine Hand streckte sich nach den Fensterläden aus, die sich schon langsam von der aufgehenden Sonne erwärmten.

Ein zufriedenes Grinsen entblößte strahlend weiße Zähne, als schlanke Finger unter die Jalousie griffen, und sie langsam aufzogen.

Es wurde Zeit für ein bisschen Action.

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Zum sechsten mal innerhalb der letzten zehn Minuten sah Joan McDonnell zur Uhr, die die Küchenwand zierte und mit ihrem sanften, rhythmischen Ticken die Stille durchbrach. Es war das einzige Geräusch, das zu hören war. Sonst war das Haus in Stille getaucht.

Stirnrunzelnd sah Joan zu ihrem Kaffee, der vor einer Stunde noch ganz frisch war, jetzt jedoch langsam von Minute zu Minute immer schwärzer und stärker zu werden schien. Vielleicht sollte sie ihn in den Ausguss schütten und Neuen aufsetzen. Sie wusste, dass Sam eine frische Tasse Kaffee am Morgen sehr schätzte.

Mit einem Seufzer entschied sich Joan zu warten, bis sie erste Lebenszeichen hören würde. Was wäre, wenn sie jetzt frischen Kaffee macht und es dann noch eine Stunde dauerte, bis die Mädchen hier auftauchten? Das wäre die reinste Verschwendung. Nein, sie würde warten bis die Mädchen aufstanden.

Joan rieb sich vorsichtig über die Seite ihres Gesichts, an der sich ein schmerzhafter blauer Fleck befand. Eine sichtbare Erinnerung ihrer Tortur am Vortag. Wieder überkam sie ein Schaudern, wenn sie daran dachte, was alles hätte passieren können wenn Alice nicht aufgetaucht wäre! Dann wäre sie jetzt wahrscheinlich der Gegenstand eines kleinen Artikels im Golden Coast-Anzeiger.

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"Gott sei Dank war Alice da," flüsterte Joan aus tiefstem Herzen.

An ihrer dritten Tasse Kaffee nippend, öffnete Joan die Küchentür und trat auf die Veranda hinaus. Es war kurz nach neun Uhr und noch früh. Aber die Erde begann sich schon langsam aufzuwärmen. Joan sah hinauf in den klaren blauen Himmel. Sie musste sich den Wetterbericht nicht anhören um zu wissen, dass es wieder ein heißer Tag werden würde.

Sie dachte, dass die Mädchen wohl den Morgen verschlafen würden, und wie ungewöhnlich das war. Sie wusste, dass Jody und Sam normalerweise früh aufstanden.

"Na gut, vielleicht haben sie vor an diesem Samstag länger zu schlafen, was denkst du, mein Junge?" überlegte sie, und kratzte dabei einem glücklichen Kurt hinter den Ohren.

Der Hund wedelte fröhlich mit dem Schwanz und sprang, auf der Suche nach einem Stock, von der Veranda. Vielleicht würde dieser gut riechende Mensch ja mit ihm spielen, wo doch sein Lieblingsfrauchen gerade nicht da war.

Joan lächelte, als der Schäferhund mit einem Stock die Treppe hoch kam, der so groß war, dass der Hund unter dem Gewicht fast vornüber fiel.

"Ich befürchte, den werde ich nicht werfen können, Kurt." Sie lachte in sich hinein. "Lass uns einen anderen suchen, ok?"

Joan stellte die Tasse auf den Tisch und ging die Treppe hinunter, gefolgt von einem aufgeregten Hund, der ganz begeistert darüber war, endlich jemanden zum Spielen gefunden zu haben. Es war nicht schwierig einen geeigneten Stock für den Welpen zu finden, und mit einer gekonnten Bewegung schleuderte sie den Stock von sich fort. Unfähig seine Freude unter Kontrolle zu halten raste Kurt hinter dem Stock her, und fing ihn sobald er den Boden berührte. Den Stock fest zwischen den strahlend weißen Zähnen haltend, begann er heftig den Kopf hin und her zu schlagen, worüber Joan laut lachen musste.

"Sieh mal zu das er tot ist, bevor du ihn zurückbringst, Junge." Grinste sie.

"Bringst du dem Hund gerade schlechte Manieren bei, Mom?" rief eine junge Stimme, die Joan veranlasste, sich erschrocken umzusehen.

"Guten Morgen, Liebes," begrüßte sie Jody mit einem warmen Lächeln. "Ich habe dich gar nicht kommen hören. Möchtest du Kaffee?"

"Gern," erwiderte Jody lächelnd, und sah zu, wie ihre Mutter zurück auf die Veranda stieg. Kurt sah ihr mit traurig blickenden braunen Augen hinterher. Das war ein kurzes Spiel.

"Guten Morgen, Mom," grüßte Jody ihre Mutter und nahm sie in die Arme."Wie geht es deinem Gesicht? Hast du gut geschlafen?"

"Ich habe geschlafen wie ein Stein. Danke, Liebes," antwortete Joan und drückte liebevoll Jody's Schulter. "Ich war total k. o. und darüber bin ich froh, denn ich fühle mich schon viel besser. Keine Kopfschmerzen."

Zusammen gingen sie zurück in die Küche und Jody wies ihre Mutter an sich zu setzen.

"Du solltest frischen Kaffee machen, Jody. Der steht da schon seit über einer Stunde."

Jody verzog das Gesicht und schüttete die dampfende Flüssigkeit in den Ausguss.

"Ja, heute sind wir spät dran," bemerkte sie beiläufig, während sie versuchte einen Weg zu finden, ihrer Mutter zu erklären, was letzte Nacht geschehen war. Sie wusste, dass sie etwas sagen musste, da Lucy und Trishia im Gästehaus waren und jeden Moment hier auftauchen konnten.

Schnell begann Jody eine frische Kanne Kaffee zu machen und, nachdem sie sich ein Glas Orangensaft eingeschenkt hatte, setzte sie sich ihrer Mutter gegenüber an den Tisch.

"Was ist los?" fragte Joan ruhig.

Sofort sahen ein paar erschrockene grüne Augen auf, und Joan musste lächeln, als sie Jody's überraschten Gesichtsausdruck sah. Sie streckte ihren Arm aus und bedeckte Jody's Hand mit ihrer Eigenen.

"Ich kenne dich, mein Töchterchen. Meist ist dein Gesicht für mich wie ein offenes Buch. Ich weiß, dass du mir etwas sagen möchtest, und ich habe das Gefühl, dass ich es nicht mögen werde."

Jody seufzte und schüttelte den Kopf als sie die wachsende Sorge im Gesicht ihrer Mutter sah.

"Geht es um Alice?" fragte Joan schnell, und ihr wurde bewusst, wie Furcht sich langsam einen Weg in ihre Magengegend bahnte.

"Ja, das tut es," antwortete Jody ehrlich. "Das arme Kind."

Diese letzten drei Worte ließen Joan's Besorgnis etwas zurückweichen. Es klang zumindest nicht so, als hätte Alice etwas Drastisches getan, wie zum Beispiel mitten in der Nacht weg zu rennen.

"Worum geht es?" fragte Joan leise.

Mit sanfter, aber kontrollierter Stimme erzählte Jody ihrer Mutter von Trishia's und Lucy's Anwesenheit im Gästehaus und dem Grund warum sie sich dort aufhielten. Als sie Joan über das ermordete Mädchen informierte und über das Foto, das man auf der Leiche fand, konnte Jody sehen, wie bleich das Gesicht ihrer Mutter wurde.

Joan schluckte schwer und versuchte, das innere Bild von Alice's Körper von sich abzuschütteln, wie sie im Sand lag mit einer tödlichen Stichwunde in der Brust. Tränen brannten in ihren Augen, als ihr klar wurde, dass Trishia's Bauchgefühl und Sorge um den Teenager sehr wohl Alice's Leben gerettet hatte. Wenn die große Polizistin sich nicht dazu entschlossen hätte etwas Umstrittenes zu tun und Alice mitzunehmen...

Joan schauderte unwillkürlich, als ihr der Ernst der Lage allmählich bewusst wurde. Ihre Finger suchten nervös nach einer Beschäftigung. In der Vergangenheit hatte sie die Angewohnheit an ihrem Ehering zu drehen wenn sie nervös war, aber dieses Schmuckstück hatte sie abgelegt, als sie sich von David McDonnell trennte, und seitdem ist der Ringfinger ihrer rechten Hand bloß geblieben.

Jody's warme Hände bedeckten die unruhigen Finger, und als Joan aufsah, sah sie die Entschlossenheit in den grünen Augen ihrer Tochter.

"Wir werden alle unser Bestes tun um sie zu beschützen." Versprach sie. "Aber bis wir uns alle hinsetzen und darüber reden können, wie wir das bewerkstelligen, dürfen die Mädchen davon nichts erfahren. Wir wollen ihnen keine Angst machen."

Jody verzog das Gesicht und musste lächeln.

"Natürlich hatte Fiona mich letzte Nacht durchschaut," erzählte sie ihrer Mutter. "Sie kann manchmal eine ziemliche Göre sein."

"Na, du bist auch nicht gerade eine gute Lügnerin, Liebes," antwortete Joan. "Was natürlich nur Gutes über dich aussagt."

"Danke," antwortete Jody trocken.

Sie sah auf, als sie hinter sich ein Geräusch wahrnahm und zwei warme Hände sich auf ihre Schultern legten.

"Hey Süße," Sam's Stimme brummte in ihrem Ohr und sie bekam einen zarten Kuss auf die Wange. "Guten Morgen, Joan," begrüßte Sam ihre Schwiegermutter, während ihre klaren blauen Augen schnell über das Gesicht der älteren Frau wanderten.

Sam fielen die Sorgenfalten auf, die um ihre Augen gezeichnet waren. Aber sie sah auch, dass die Schwellung ihrer einen Gesichtshälfte zurückgegangen war, und das freute sie unendlich.

"Dein Gesicht sieht schon viel besser aus, Joan." Sam lächelte, zog einen Stuhl hervor und setzte sich neben Jody. "Der blaue Fleck ist zwar noch zu sehen, aber es sieht nicht mehr so geschwollen wie gestern aus."

Joan berührte vorsichtig ihr Gesicht und lächelte die große blonde Frau an.

"Ich bin froh," seufzte sie. "Ich konnte mich gut ausruhen letzte Nacht, aber mir scheint, als wäre ich die Einzige gewesen. Jody hat mir gerade berichtet, dass wir im Moment andere Sorgen haben."

Sam nickte und legte einen Arm über die Rückenlehne von Jody's Stuhl, sodass ihre Finger leicht die Schultern der rothaarigen Frau streicheln konnten.

"Ich befürchte es," gestand Sam. "Es ist immer noch schwer zu glauben, wie schnell wir aus unserem glücklichen Leben herausgerissen wurden, und uns jetzt vor einem Mörder in acht nehmen müssen. Es ist kaum vorstellbar und, um ehrlich zu sein, macht mich das auch ziemlich sauer."

Jody warf Sam einen Blick zu und langte herüber um sanft ihr Gesicht zu streicheln.

"Ich verstehe dich, Baby. Sei einfach vorsichtig bei Alice, sie... mir ist letzte Nacht aufgefallen, dass sie sehr unsicher ist. Und wenn sie deinen Ärger spürt, könnte sie denken, dass er gegen sie gerichtet ist."

"Ich werde vorsichtig sein, Liebes, danke für die Warnung," Sam lächelte und stahl ihr schnell einen Kuss. "Da wir gerade über Teenager sprechen, wo sind unsere eigentlich?"

"Ich nehme an sie schlafen noch," antwortete Jody. Sie stand auf um ihnen eine frische Tasse Kaffee einzuschenken. "Schließlich war es für sie ebenfalls eine kurze Nacht."

Der Blick in Sam's Augen ließ sie sofort in ihrer Bewegung innehalten, und ein Gefühl von Sorge machte sich in ihrer Magengegend breit.

"Sam?" flüsterte sie, als sie sah wie das Gesicht ihrer Liebsten blass wurde.

"Ich... ging gerade an ihren Zimmern vorbei und die Türen standen offen, aber die Mädchen waren nicht drinnen," hauchte Sam. Von der Wahrheit ihrer Worte getroffen sprang sie auf und warf dabei den Küchenstuhl um.

"Wann bist du aufgestanden, Mom?" Fragte Jody eine schockierte Joan.

"Vor ungefähr einer Stunde," antwortete Joan mit zittriger Stimme. "Ich habe weder etwas gesehen noch gehört... oh, mein Gott!"

Sam's Gesicht war eine grimmige Maske als sie ihr Handy aus der Tasche holte und Trishia's Nummer wählte.

"Ich werde Trish anrufen und dann werde ich nach ihnen suchen. Ich werde Kurt mitnehmen," kündigte sie an, während sie darauf wartete, dass die Polizistin ans Telefon ging. "Liebling, ich möchte, dass du und deine Mutter im Haus bleibst und die Türen verriegelst. Ihr dürft niemandem außer Trishia und mir öffnen."

Jody öffnete den Mund zum Protest weil sie nicht wollte, dass ihre Partnerin allein da raus ging. Aber bevor sie etwas sagen konnte, wurde ihr bewusst, dass Sam recht hatte. Jemand musste mit Joan im Haus bleiben. Also nickte sie kaum merklich während ihre Gedanken zurück zu diesem Tag gingen, als Sam ganz allein los ging um sich mit Megan's Entführern zu treffen. Nie in ihrem Leben hatte Jody sich mehr gefürchtet. Sam hatte übers Handy Kontakt gehalten, aber am Ende, als sie den Kriminellen gegenüber stand, musste sie das Ding im Auto lassen, womit der Kontakt unterbrochen war. Die Stunde, die darauf folgte, war die längste Stunde in ihrem Leben. Und sie hatte gehofft, sich nie mehr in so einer Situation wiederzufinden. Unglücklicherweise schien ihre Familie ein Talent dafür zu haben Probleme anzuziehen, und genau da befanden sie sich wieder. Im Angesicht einer Situation, die sich jeden Augenblick in ein Desaster verwandeln könnte.

Jody atmete tief aus und zog ihre Finger durch ihr zerzaustes Haar. Wo um alles in der Welt waren Fiona und Alice?

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"Nein, Sam, warte auf mich," drängte Trishia, während sie ihre Augen rieb und versuchte aufzuwachen. "Ich werde in einer Minute oben sein. Bleib wo du bist. Wenn es dort irgendwelche Spuren oder Hinweise gibt, möchte ich nicht, dass da drüber getrampelt wird. Ich bin jetzt auf dem Weg!"

Trishia schaltete das Telefon aus und sprang aus dem Bett, um halb blind nach ihren Sachen zu suchen, die überall verstreut wurden als sie... als Lucy sie vor einigen Stunden auszog.

"Was ist los?" fragte Lucy schlaftrunken, als sie den verbissenen Ausdruck auf Trishia's Gesicht sah.

Sie hatte angefangen sich ebenfalls anzuziehen. Wohl wissend, dass etwas ernstes im Haus geschehen sein musste, wollte sie so schnell wie möglich zu ihrer Familie.

"Trish?" fragte sie noch einmal mit eindeutiger Sorge in der Stimme.

Die Polizistin drehte sich um, und sah ihre Partnerin an. Ein trauriger Ausdruck legte sich über ihr Gesicht.

"Fiona und Alice sind aus dem Haus verschwunden," antwortete sie. Es half nichts, die Nachricht zu diesem Zeitpunkt zu verharmlosen.

"Oh Gott," hauchte Lucy und fuhr mit der Hand zu ihrem Hals. Ihre dunkelgrünen Augen sahen Trishia schockiert an. "Wie lange schon?"

"Sie haben es gerade erst herausgefunden," sagte Trishia, und band schnell die Schnürsenkel ihrer Schuhe zu. "Sie sind schon mindestens seit über einer Stunde weg. Bist du fertig?"

Lucy nickte und versuchte die Übelkeit loszuwerden, die versuchte sie zu überrumpeln. Da war ein Mörder in der Gegend unterwegs, und jetzt sind auch noch ihre Schwester und Alice verschwunden. Ihre Augen gingen nervös zwischen Trishia's blassem Gesicht und ihren starken Händen hin und her, die schnell und gekonnt die Waffe checkten.

Lucy schluckte schwer. Sie wusste, dass Feuerwaffen  in Trishia's Beruf manchmal nötig waren. Aber das war etwas, an das sie sich noch nicht ganz gewöhnt hatte. Der Gedanke, dass dieses relativ kleine Etwas das Leben eines Menschen in weniger als einer Sekunde beenden konnte, erfüllte sie mit Furcht. Lucy konnte nur hoffen und beten, dass Trishia die Waffe nicht benutzen musste.

Vor einem Jahr hatte ihre Liebste einen von Megan's Entführern erschossen, und Trishia war anschließend wie am Boden zerstört gewesen. Sie wusste, dass es keine andere Wahl gab, da Steven Hayes sonst Sam das Leben genommen hätte. Und trotzdem war es sehr schwer für die Polizistin, und Lucy hoffte, sie würden nie wieder so etwas durchmachen müssen.

Das Objekt ihrer Gedanken sah zu ihr auf und lächelte schwach.

"Bist du fertig?" Fragte Trishia, und streckte eine Hand aus, die dankbar angenommen wurde.

"Ja, lass uns hoch gehen," ermunterte Lucy sie mit gedämpfter Stimme.

"Bleib dicht bei mir," wies Trishia an, und platzierte sich zwischen ihrer Liebsten und der dichten Baumreihe gegenüber der Lichtung.

Ihre Augen scannten die Umgebung ab auf der Suche nach etwas Auffälligem, aber für Trishia sah alles normal aus. Als sie die Hälfte der Auffahrt geschafft hatten, begrüßte sie ein fröhlich hüpfender Hund und Trishia musste lächeln. Sie streichelte den Hund am Kopf und wunderte sich kurz darüber, warum Kurt nicht Alarm geschlagen hatte. Sie hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, als die Tür aufging und Sam zum Vorschein kam. Die zwei Frauen sahen sich an und eine stumme Nachricht wurde zwischen ihnen ausgewechselt.

"Geh hinein, Lucy," sagte Trishia sanft. "Schließe die Tür hinter dir ab, ok?"

Lucy antwortete nicht sofort, aber sie nickte und drückte die warme Hand, die sie noch immer hielt.

"Sei vorsichtig," flüsterte sie und fühlte, wie sich Feuchtigkeit in ihren Augen bildete.

"Immer," antwortete Trish mit einem Lächeln und senkte ihren Kopf, um ihrer Liebsten einen Kuss zu geben.

Sobald die dunkelhaarige Frau die Tür hinter sich geschlossen und verriegelt hatte, sah Trishia zu Sam und nickte höflich.

"Ich gehe davon aus, dass du die Schlafzimmer durchsucht hast?"

"Das habe ich," antwortete Sam. "Nichts scheint anders zu sein als sonst. Die Mädchen sind einfach nicht da, und es scheint, als ob sie das Haus durch Fiona's Schlafzimmerfenster verlassen hätten."

Trishia nahm sich einen Moment Zeit um die Information zu verdauen, was ihre Besorgtheit nur noch verstärkte. Sie hatten angenommen, dass der Mörder allein unterwegs war. Aber was wenn es nicht so war? Wie konnte es sein, dass zwei Teenager aus dem Haus verschwanden ohne Geräusche zu verursachen? Die einzige Erklärung die Trishia liefern konnte war, dass es mehr als einen Eindringling gegeben haben musste. Oder, die Mädchen hatten die Person gekannt und sind freiwillig mitgegangen.

Mit einer Geste, die ihre Frustration zeigte, rieb sich Trishia das Genick. Ein Teil von ihr wollte auf der Wache anrufen und Hilfe anfragen, aber tief in ihr drinnen machten sich nagende Zweifel bemerkbar. Sie konnte es noch nicht genau benennen, aber hoffentlich würde es helfen sich den Ort genauer anzusehen. Sie brauchte weitere Informationen bevor sie Hilfe herbeirufen konnte.

"Lass uns mal einen Blick auf die Außenseite des Fensters werfen," schlug sie vor. "Nehmen wir Kurt mit?" Fragte sie auf die Leine in Sam's Hand deutend.

"Ja, ich bin mir sicher, dass er eine Spur aufnehmen und verfolgen kann," antwortete Sam mit Überzeugung. Sie pfiff und sofort kam Kurt von der Veranda gesprungen.

Sam kraulte ihm die Ohren und befestigte die Leine an seinem Halsband.

"Komm, Junge," sagte sie, und lief zur Rückseite des Hauses, wo Fiona's und Alice's Schlafzimmer lagen.

Trishia's geschulte Augen suchten den Boden nach sichtbaren Spuren und Fußabdrücken ab. Es war offensichtlich, dass Sam recht hatte. Die Mädchen hatten das Haus durch Fiona's Schlafzimmerfenster verlassen. Die Jalousien und das Fenster waren offen und das Gras unter dem Fenster war platt gedrückt. Aber es gab keine Zeichen für einen Kampf oder andere Beweise, die auf Gewalt hindeuteten.

Mit ernster Mine sah Sam auf den Hund, der die Spannung spürte und geduldig neben seinem Frauchen sitzend auf ein Kommando wartete. Sie sah hinüber zu Trishia, die die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen hatte, und nickte.

"Kurt, such," befahl Sam. Die Ohren stellten sich sofort auf. "Such Fiona, Kurt."

Mit einem hohen Gejaule riss der Hund an der Leine, wodurch Sam beinahe das Gleichgewicht verlor. Seine Nase hatte Fiona's Fährte zusammen mit noch zwei anderen Düften bereits aufgenommen, und lenkte die beiden Frauen sofort vom Haus weg und den Hang hinter dem Haus hinunter in die dichte Vegetation unterhalb des Hügels.

Sam und Trishia sprachen nicht. Beide waren mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, aber darüber hinaus waren ihre Sinne auf das äußerste geschärft. Sie waren sich ihrer Umgebung voll und ganz bewusst und Trishia konnte den kalten Stahl, der sich gegen die Haut ihres Rückens presste, nicht ignorieren.

Die Polizistin war wütend über sich selbst, weil sie nicht in der Lage war die Familie zu beschützen, die sie mittlerweile als ihre eigene ansah. Was, wenn Alice und Fiona etwas zugestoßen war? Sie wusste, sie würde Lucy nie wieder in die Augen sehen können, wenn ihrer jüngsten Schwester etwas geschehen war.

Und was würde sie zu Carol Wong sagen? Wie konnte sie ihr erklären, dass das Mädchen, das sie beschützen sollte, verschwunden war? Wenn den Mädchen etwas passiert sein sollte, Trishia wusste, sie würde sich das nie verzeihen.

Die zwei Frauen hatten die Baumreihe erreicht und folgten leise dem Hund, der scheinbar genau wusste, wohin er gehen sollte. Er behielt ein gleichmäßiges Tempo bei, ohne auch nur ein einziges Mal zu zweifeln oder inne zu halten, nicht mal für eine Sekunde.

Sie gingen immer noch bergab und langsam aber sicher wurde es schwieriger der Fährte zu folgen. Der Hang wurde steiler und der Waldboden war mit Steinen und abgebrochenen Ästen übersät. Das Unterholz war dicht und manchmal schwierig zu durchschreiten, und ab und zu stöhnten Trishia und Sam vor Schmerzen auf, wenn Zweige und Dornen ihre bloßen Beine zerkratzten.

In der Ferne hörten sie Wasser rauschen und Sam wusste, sie näherten sich einem der Bäche, die sich durch ihr Grundstück schlängelten.

Plötzlich jaulte Kurt auf und begann an der Leine zu zerren, um sich von den Fesseln zu befreien, die ihn dicht bei seinem Frauchen hielten.

Trishia und Sam wechselten einen Blick und mit wachsender Nervosität bemerkte Sam, dass Trishia ihre Waffe gezogen hatte. Die Polizistin zuckte mit den Schultern und warf ihrer Freundin einen entschuldigenden Blick zu. Sie wusste, dass der Anblick der Waffe bei der blonden Frau unschöne Erinnerungen weckten, aber Trishia wollte kein Risiko eingehen. Sie hatte keine Ahnung mit wem und was sie zusammentreffen würden, aber sie wollte vorbereitet sein.

Sie signalisierte Sam ihr zu folgen und sie bahnte sich vorsichtig einen Weg durch das Gestrüpp. Bäume und Sträucher behinderten die Sicht, aber sie wusste, dass sie dem Bach sehr nahe waren. Sie konnte das Wasser über die Steine tanzen hören und in der Ferne hörte sie das deutliche Geräusch eines kleinen Wasserfalls.

Trishia warf einen Blick über die Schulter und sah, dass Sam dicht hinter ihr war. Sie wies der großen Frau mit einer Geste an sich zu bücken, und beide krochen hinter einige große Farnblätter, die das einzige Hindernis zwischen ihnen und dem Bach boten.

Sam fluchte leise, als sich ein scharfer Stein in ihr rechtes Bein bohrte und ihr ein heftiger Schmerz ins Knie schoss. Ohne an dem Bein herabsehen zu müssen, wusste sie, dass sich dort ein Schnitt befand der blutete. Sie konnte fühlen, wie die warme dicke Flüssigkeit über ihre Haut floss.

Sie drückte sich flach auf dem Boden neben Trishia, die vorsichtig den Farn zur Seite schob, um einen deutlicheren Blick über den Bach zu bekommen. Die einzigen Geräusche kamen vom Wasser des Stromes und den rauschenden Blättern über ihnen.

Als sie endlich in der Lage waren zu sehen, weshalb Kurt so aufgeregt und alarmiert war, waren sie beide total verblüfft. Ein paar Meter von ihnen entfernt sahen sie die zwei wohlbekannten Körper von Fiona und Alice neben dem Bach auf dem Waldboden ausgestreckt. Sie lagen bäuchlings die Köpfe auf ihren Armen ruhend und sahen aus, als würden sie schlafen. Das einzige Zeichen, dass dem nicht so war, war Fiona's linker Fuß, der sich rhythmisch von einer Seite zur anderen und wieder zurückbewegte.

Sam wollte aufspringen und zu ihnen laufen, aber Trishia's Hand auf ihrem Arm hielt sie davon ab. Als Sam zur Seite blickte, sah sie die Erleichterung im Gesicht der Polizistin und einen Hauch von Belustigung in den blaugrünen Augen.

"Schau mal," flüsterte Trishia und zeigte zum Ufer des Baches.

Sam's Augen wanderten gehorsam in die Richtung die Trishia ihr wies. Als ihr Gehirn endlich die Szene registrierte, die sich vor ihr eröffnete, fühlte sie sich beinahe schwindelig.

"Yarra," flüsterte sie.

Ein großes, dunkelhäutiges Mädchen in kurzen Hosen und Tanktop gekleidet saß mit gekreuzten Beinen am Ufer des Baches. Ihre großen dunklen Augen waren gebannt auf ein kleines Tier gerichtet, das neben ihr saß. Yarra hielt etwas in ihrer Hand und wartete geduldig darauf, dass das kleine Tier herüber kam und es sich holte. Sam’s Augen wurden groß als sie den kleinen Wallaby sah, der so dicht bei dem Mädchen saß, dass sie ihn schon fast berühren konnte.

"Ich weiß nicht, ob ich wütend oder glücklich sein soll," flüsterte Sam und sah Trishia breit grinsen.

"Ich bin über alle Massen froh, Sam," gab die Polizistin zu. "Aber das werde ich ihnen nicht zeigen. Sie haben mich fast zu Tode erschreckt!"

Sam lachte in sich hinein und sah verwundert zu, wie das kleine Tier dichter an Yarra heranhüpfte, nach dem Leckerbissen griff, den sie in ihrer ausgestreckten Hand hielt, und dann rasch wieder weg hüpfte.

Ein breites Lächeln zog über Yarra's dunkelhäutiges Gesicht und selbst aus der Ferne konnte man das Funkeln ihrer Augen sehen.

"Wow, das war cool, Yar," durchbrach Fiona's Stimme die Stille, während sie wieder auf die Füße kam von Alice gefolgt, die sehr beeindruckt zu sein schien. "Was meinst du, Alice?"

Der blonde Teenager nickte und als sie sprach, konnten Sam und Trish die Bewunderung in ihrer sanften Stimme hören.

"Danke, dass du mir das zeigst, Yarra," sagte sie. "Das war fantastisch. Ich habe noch nie ein Wallaby aus so kurzer Entfernung gesehen."

"Ich weiß noch etwas anderes, was ebenfalls sehr fantastisch sein wird," murmelte Sam. "Lass uns die Mädchen nach Hause bringen, Trish. Dort warten drei verzweifelte Frauen auf sie."

Bevor Trishia noch etwas erwidern konnte, erhob Sam sich zu ihrer vollen Größe. Die drei Teenager, die keine Ahnung hatten, dass sie beobachtet wurden, sprangen auf als Sam so plötzlich vor ihnen erschien, und Alice's erste Reaktion war wegzulaufen.

Trishia hatte so eine Reaktion erwartet, und mit einigen großen Schritten lief sie hinter dem Mädchen her, um sie mit ihren starken Armen aufzufangen.

"Es ist ok, Alice," versuchte sie dem Mädchen zu versichern. "Wir sind es nur, Sam und ich."

Trishia konnte fühlen wie das Mädchen zitterte, und vor Schreck geweitete Augen sahen zu ihr auf. Als Alice endlich bewusst wurde wer sie da fest hielt, atmete sie erleichtert auf. Gleichzeitig schienen ihre Beine sie nicht mehr länger tragen zu können, und Trishia ließ sie langsam auf die Erde sinken.

"Verdammt!" Murmelte Trishia.

"Es tut mir leid, Alice," entschuldigte sich Sam, sich neben dem Mädchen hinkniend. "Es war nicht meine Absicht dich so zu erschrecken."

"Ja, eigentlich das war eine üble Sache," fiel Fiona ein, sich auf der anderen Seite von Alice hinkniend und Sam einen ärgerlichen Blick zuwerfend.

"Hör mir mal gut zu, junge Dame," antwortete Sam mit mühsam unterdrücktem Ärger. "Hast du eigentlich irgendeine Ahnung wie besorgt alle um euch beide sind? Was um Himmels Willen, habt ihr euch dabei gedacht so aus dem Haus zu schleichen ohne jemandem zu sagen wohin ihr geht? Ich dachte, du hättest mehr Verantwortungsgefühl."

Fiona hatte die normalerweise ruhige Sam noch nie so böse erlebt, und erblasste sichtbar. Ärger brannte in Sam's Augen, und unbewusst rückte Fiona etwas näher an Trishia heran. Sie schluckte schwer und die Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie sah von der Polizistin zu Sam und wieder zurück.

"Ich… ich… es war nur… alle schliefen noch, und weil es so eine seltsame Nacht war, wollten wir niemanden wecken. Yarra kam vorbei um zu fragen, ob ich das Wallaby sehen wollte… Ich dachte, Alice würde es auch gerne sehen wollen. Also…wir wollten niemanden verängstigen. Es tut mir leid." Endete sie mit flüsternder Stimme, und Trishia konnte die Tränen in den dunkelgrünen Augen sehen.

Sam atmete angespannt aus, und warf dem drahtigen Mädchen einen Blick zu, die in der Nahe stand, und sie aus großen dunklen Augen beobachtete.

"Geht es um diesen Mörder?" Fragte das dunkle Mädchen unschuldig.

Yarra war unter anderen Umständen schon mit Trishia zusammengetroffen, und wusste, dass sie eine Polizistin war. Als sie Sam und Trishia vor sich auftauchen sah und die Besorgtheit und den Ärger spürte, hatte sie eins und eins zusammengezählt.

"Welchen Mörder?" Fragte Fiona langsam. Plötzlich fingen die Ereignisse der letzten Nacht an einen Sinn zu ergeben, und ihre Augen weiteten sich im Schock.

"Es kam in den Nachrichten heute Morgen," erklärte Yarra, ihre intelligenten Augen suchten in Trishia's Gesicht nach Anhaltspunkten. "Gestern wurde ein Mädchen am Strand ermordet."

Trishia und Sam tauschten Blicke aus, und die große Blonde konnte fühlen, wie der Ärger aus ihrem Körper strömte und sie verletzt und müde zurück ließ.

"Ich würde mal sagen, wir gehen besser zum Haus zurück. Da können wir reden, ok?" Schlug Trishia vor und übernahm die Führung.

Sam nickte schweigend, stand auf und zuckte zusammen als sie einen Krampf in der rechten Wade spürte. Sie sah Fiona's gebeugten Kopf, und fühlte sich plötzlich schlecht, dass sie den Teenager so angefahren hatte.

"Komm her," sagte sie, und nahm den Teenager in die Arme.

Fiona akzeptierte die liebevolle Geste, vergrub ihr Gesicht an Sam's Brust und schlang ihre Arme um die Taille der Blonden.

"Es tut mir leid, Sam," schniefte sie. Sie fühlte sich schuldig, weil sie der Frau, die sie so sehr mochte, Sorgen bereitet hatte.

"Ist ok, Süße," seufzte Sam. "Ich bin einfach nur froh, dass du und Alice, das ihr ok seid. Lass uns nach Hause gehen, okay?"

"Ich werde die Mädels anrufen," sagte Trishia, und holte ihr Handy heraus. "Und sie wissen lassen, dass alle ok sind."

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Es waren angespannte dreißig Minuten. Weder Joan noch Jody noch Lucy sagten viel. Sie waren alle in Gedanken versunken und wussten, dass sie sich dieselben Sorgen teilten. Sie saßen am Küchentisch und nippten nervös an ihrem Kaffee, was aber auch nicht half die Anspannung zu vertreiben.

Als das Klingeln des Telefons die Stille durchbrach, sprangen alle auf, und sowohl Joan als auch Lucy sahen Jody mit einer Mischung aus Sorge und Hoffnung an.

Jody ging schnell ans Telefon und rief atemlos ihren Namen.

"Hey, Jody," erklang Trishia's Stimme. "Wir sind auf dem Rückweg, mit den Mädchen. Offenbar kam Yarra heute Morgen vorbei und holte sie ab um ein Wallaby zu beobachten."

"Oh, Gott sei Dank," rief Jody und ließ sich auf den Stuhl zurücksinken. "Ich... wow, ich bin so erleichtert. Ich nehme an wir sehen euch gleich, he?"

"Yap," antwortete Trishia's Stimme, und Jody konnte die Belustigung darin hören. "Die Mädchen lassen die Füße schleifen, aber wir werden sie wieder den Hügel hinauf jagen. Also bis gleich dann."

"Danke, Trishia."

Jody's Reaktion war eindeutig genug um die anderen Frauen wissen zu lassen, dass mit Fiona und Alice alles gut war, und als sie das Telefon auflegte, konnte sie die Tränen in den Augen ihrer Mutter sehen, während Lucy's Gesicht eine Mischung aus Erleichterung und Verärgerung erkennen ließ.

"Was war geschehen?" Fragte die dunkelhaarige Frau.

Jody lehnte sich zu ihrer Mutter hinüber, nahm ihre Hand und drückte sie liebevoll.

"Ich kenne die Einzelheiten nicht, aber wie ich verstanden habe, war Yarra heute Morgen vorbei gekommen um die Mädchen abzuholen, damit sie zusammen Wallabys beobachten konnten, oder so ähnlich."

"Wie bitte?" Schrie Lucy, erhob sich von ihrem Stuhl und ging in der Küche auf und ab. "Sind die verrückt? Meine Güte, ich hatte wirklich angenommen, dass Fiona mehr Verstand hätte."

"Beruhige dich, Luce," sagte Jody und gab ihrer Mutter ein unsicheres Lächeln. "Vergiss bitte nicht, dass die Mädchen nichts von dem wissen was gerade um uns herum geschieht. Wenn Fiona gewusst hätte, worüber wir uns solche Sorgen machen, hätte sie das Haus nie verlassen. Da bin ich mir sicher."

"Sie hätte zumindest eine Nachricht hinterlassen können, oder so," murmelte Lucy, und erkannte schon die Wahrheit hinter den Worten, war jedoch immer noch etwas sauer auf ihre kleine Schwester. "Sie hat mich einfach total erschreckt."

"Im Grunde genommen," erwiderte Jody und versuchte verzweifelt ein ernstes Gesicht zu machen, "Wenn man darüber nachdenkt, ist es ziemlich lustig."

"Lustig am Ar...," Lucy warf ihrer Mutter einen Blick zu und schluckte hart. "Am Hintern! Ich hatte letzte Nacht kaum ein Auge zugemacht und wollte ganz entspannt aufwachen und... naja, du weißt schon, eben keinen Stress haben."

Jody, die sich denken konnte was gerade durch Lucy's Kopf ging, lachte nur als sie die Frustration aus dem Gesicht ihrer Schwester ablas. Sie wusste, dass ihre Schwester und Trishia die gemeinsame Zeit miteinander sehr schätzten. Und sie wusste auch das es oft vorkam, dass die Polizistin ihre freie Zeit opfern musste. Einfühlsam wie sie war, hatte Jody die leichte Veränderung in Trishia's und Lucy's Umgang miteinander bemerkt. Sie wusste, dass Lucy's Pläne für diesen Morgen nicht beinhaltete, dass sie ihre Zeit mit der Familie verbringen wollte. Aber weil ihre Mutter anwesend war, entschloss sich Jody ihre Schwester nicht weiter damit aufzuziehen. Deshalb kam Joan McDonnell's Äußerung wie ein Schock.

"Du und Trishia könnt ja später wieder in die Betten hopsen, Liebes," sagte sie. "Ich werde dafür sorgen, dass ihr nicht gestört werdet. Ich bin einfach nur dankbar, dass eurer Schwester und Alice nichts passiert ist."

Lucy wurde still, so schockiert war sie, und sah ihre Mutter mit großen grünen Augen an. Es geschah nicht oft, dass ihr nichts zu sagen einfiel, und als ihr Blick zu Jody wanderte, konnte sich ihre Schwester nicht mehr beherrschen. Jody verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen und ihr Körper schüttelte sich vor Lachen. Es war einfach zu lustig. Lucy's Gesicht war unbezahlbar.

Natürlich half Jody's Lachanfall auch die Anspannung los zu werden. Das Gefühl der Erleichterung machte sie schwindelig und die Bemerkung ihrer Mutter Lucy gegenüber war genau das, was sie brauchte um diesen Lachanfall zu verursachen und die Spannung abzustreifen, die sich im Laufe der letzen Nacht in ihr aufgebaut hatte.

Es dauerte ein paar Minuten bis Lucy sich wieder gefangen hatte, und ihr eigener Sinn für Humor durch kam.

"Nun Mutter, du steckst voller Überraschungen," stöhnte sie. "Hier bin ich und versuche die Tatsache, dass ich ein Liebesleben habe, zu verstecken. Und dann kommst du und sagst solche Dinge."

"Ich bin nicht blind, meine Liebe," erwiderte Joan ruhig. "Liebe und Sex sind ein Teil des Lebens. Ich bin einfach nur Dankbar, dass du Trishia begegnet bist. Sie tut dir gut. Du scheinst glücklich zu sein."

"Hm... nun ja... das bin ich," stotterte Lucy uncharakteristisch.

Joan lächelte und erhob sich von ihrem Stuhl um hinüber zur Küchenzeile zu gehen.

"Ich werde mal besser etwas Tee machen. Ich bin sicher, die Mädchen werden es brauchen."

"Du hast recht, Mutter," reagierte Jody und blinzelte ihrer Schwester zu. "Ich denke, ich werde den Tisch decken. Ich weiß zwar nicht wie es euch geht, aber ich habe Hunger und ein großes Frühstück ist im Moment genau das Richtige. Wie wäre es mit Eiern und Pfannkuchen?"

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Es hatte nicht lange gedauert bis die kleine Gruppe den Weg aus dem dichten Wald heraus fand. Trishia führte leise an, während Sam den Schluss bildete. Sie hatte Kurt von der Leine genommen und der Hund amüsierte sich beim Fangen von Vögeln und Eidechsen. Seine Possen ließ die Mädchen kichern und Yarra hatte nachgegeben, und spielte Kurt's Lieblingsspiel: Hol den Stock. Sie warf einen Stock so weit, wie die Büsche und Bäume es erlaubten, und jedes mal brachte der Schäferhund den Gegenstand innerhalb von Sekunden wieder zurück.

Yarra liebte Tiere und ihr größter Traum war es später Tierärztin zu werden. Ihr Vater, George Kirby, war ein Nachfahre australischer Ureinwohner und hatte seine Liebe und Respekt für die Natur an seine Kinder weiter gegeben. Sobald sie laufen konnten, nahm er Yarra und ihre Geschwister mit auf Camping-Trips und lehrte sie all das, was er und seine Brüder von seinem Vater gelernt hatten.

Ihre Mutter, Susan Kirby, war Krankenschwester im regionalen Krankenhaus und darüber hinaus eine Frau, die ihren Mann und ihre Kinder über alles liebte. Zusammen hatten Georg und Susan gegen die Diskriminierung und Vorurteile gekämpft, die immer noch Teil dieser Gesellschaft ausmachten. Ihre eigenen Eltern hatten Susan enterbt, als sie entschied, dass Georg der Mann war, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Es hatte Narben hinterlassen, aber Susan und Georg waren stolz über das was sie erreicht hatten: Eine anhaltende Beziehung, während der sie drei Kinder aufgezogen hatten, die alle Menschen denen sie begegneten mit Respekt und Würde behandelten.

Sobald die Kirby's erfuhren, dass sie neue Nachbarn bekommen würden, kam die ganze Familie und begrüßte Jody und Sam. Und von diesem ersten Moment an entwickelte sich eine tiefe Freundschaft.

Es war kein Geheimnis für Sam und Jody, dass die Kirby Kinder auf ihrem Grundstück herumstromerten, aber es machte ihnen nichts aus. Tatsache war, dass es ihnen behagte. Die Kirby's, die ein großes Stück Land neben ihrem eigenen Grundstück besaßen, zeigten Respekt für alle Lebewesen. Es kam sogar öfter als einmal vor, dass Yarra ein verwundetes Tier mit nach Hause brachte und wieder gesund pflegte.

Yarra schaute über ihre Schulter und sah die Kratzer und Schnitte an Sam's Beinen. Ihr fiel auch auf wie Sam humpelte, ein schmerzhafter Ausdruck zeigte sich jedes mal auf dem Gesicht der großen Blonden, wenn sie auf eine Unebenheit trat.

"Alles ok, Sam?" Fragte sie sacht. Ihre freundliche Nachbarin tat ihr leid.

"Mir ging es nie besser," grunzte Sam mit einer Spur von Humor. "Aber ich sage dir was, Yarra. Nach einer Dusche, Frühstück und etwas liebevolle Aufmerksamkeit von meiner Frau, werde ich ekstatisch sein.

Yarra gluckste und blieb etwas zurück, bis Sam und sie nebeneinander hergingen.

"Es tut mir leid, Sam," entschuldigte sie sich mit ernsthafter Reue. "Ich hatte ja keine Ahnung. Ich war schon mal durch Fi's Fenster geschlichen. Es ist wie ein Spiel für uns. Aber, wenn ich gewusst hätte, dass da... Dinge passieren, dann hätte ich den Vordereingang benutzt."

"Wir haben keinen Vordereingang," brummte Sam gutmütig.

"Ok, dann die Küchentür," kicherte Yarra mit einem frechen Funkeln in ihren dunkelbraunen Augen.

Sam lächelte dem Mädchen zu, das jetzt neben ihr herlief und bewunderte erneut die Schönheit des Teenagers. Eines Tages werden sich viele Köpfe nach Yarra Kirby umdrehen, davon war sie überzeugt. Das Mädchen wurde gerade erst achtzehn. Und, trotz des Altersunterschieds von zwei Jahren waren Fiona und sie beste Freundinnen. Sie waren beide außergewöhnlich intelligent, und zusammen bildeten sie ein kraftvolles Gespann vor dem man sich besser in Acht nahm. Vor allem, wenn es darum ging, Unsinn zu machen.

Sam bemerkte, wie Yarra Alice beiläufige Blicke zu warf, und sie lächelte in sich hinein als das dunkle Mädchen Anstalten machte Sam eine Frage zu stellen.

"Was?" Sam fragte ruhig um sicher zu gehen, dass sie nicht zu harsch klang.

"Hm...," Yarra räusperte sich und starrte einen Punkt am Himmel an. "Naja, ich frage mich nur... woher Alice eigentlich kommt? Ich meine, es ist deutlich, dass sie nicht aus der Nachbarschaft ist. Sie scheint irgendwie... verängstigt und einsam zu sein."

"Das hast du gut beobachtet, CJ," lobte Sam das Mädchen und benutzte dabei den Kosenamen, den Fiona ihr verliehen hatte. "Aber ich fürchte, ich kann dir nicht viel darüber sagen. Vielleicht solltest du sie selbst fragen, he?"

"Hm, vielleicht tue ich das," überlegte Yarra, von der Traurigkeit in den Augen der jungen Blonden neugierig geworden.

"Gut, sie könnte ein paar Freunde gebrauchen," Sam lächelte, erleichtert darüber als das Haus auf dem Hügel in Sichtweite rückte. "So, und jetzt nur noch da hochklettern."

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"Da kommen sie," rief Lucy aus und starrte aus dem Fenster, "Ich nehme an, jetzt ist es sicher um die Tür zu entriegeln, oder nicht?"

"Nun, ja," reagierte Jody. "Ich will sie alle endlich drinnen haben. Ich bin fast am Verhungern, und ich kann mir nur zu gut vorstellen wie Sam sich fühlen muss. Sieh nur wie sie humpelt und oh... Liebling," seufzte Jody, als sie die Kratzer an den langen Beinen sah.

Als die kleine Gruppe die Veranda erreichte, flog auch schon die Tür auf und bevor Fiona merkte was passierte, wurde sie von ihrer ältesten Schwester heftigst umarmt.

"Ich bin ja so froh das du ok bist, Fi," flüsterte Jody ihr ins Ohr. "Wir haben uns solche Sorgen gemacht."

"Es tut mir leid, Jo," murmelte Fiona mit gedämpfter Stimme. "Wir... ich wusste nicht... ich wollte nur niemanden wecken und..."

"Shh," beruhigte Jody sie. "Du und Alice seid hier und in Sicherheit. Das ist alles was zählt. Geht erstmal rein und wascht euch. Ich wette, ihr könntet jetzt etwas zu essen gebrauchen. Wir können uns alle später unterhalten."

"Oh, ja," Fiona stöhnte, als der Duft frisch gebackener Pfannkuchen, Schinken und Eier aus der Küche herüber wehte. "Essen!!"

Jody lächelte und schob ihre jüngste Schwester durch die Tür. Sie gab Yarra ein Zeichen um Fiona nach drinnen zu folgen und wandte sich an Alice. Der Teenager wusste offensichtlich nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Sie konnte fühlen, wie Jody's Blick auf ihr ruhte, traute sich jedoch nicht aufzusehen. Bis sie eine sanfte Stimme hörte.

"Alice?"

Alice schluckte und befeuchtete nervös ihre trocknen Lippen. Ihr Herz raste, und auch wenn sie wusste, dass Jody sie niemals wegschicken würde, konnte sie ihre Angst vor einer Zurückweisung kaum unterdrücken.

Langsam hob sie den Kopf um die rothaarige Frau anzusehen, und als sie das ehrliche Mitgefühl in diesen tiefgrünen Augen sah, fühlte sie wie ihre Unsicherheit zusammenbrach.

"Geht es dir gut?" Fragte Jody vorsichtig. Sie streckte ihre Hand aus und strich eine blonde Locke aus Alice's Stirn.

Alice nickte nur und schluckte wieder.

"Ich... wir hatten nicht vor jemandem Sorgen zu bereiten," murmelte sie zurückhaltend.

"Ich weiß," antwortete Jody und warf Sam einen Blick zu, die mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht hinter Alice stand. "Du und Fiona wusstet nicht, dass wir Grund zur Sorge hatten. Wir erzählen dir später davon, ok? Geh rein und wasch dich ein bisschen, wir werden als erstes frühstücken. Es sei denn, du hast keinen Hunger," neckte Jody sie, als sie sich daran erinnerte, wie Alice sich über das Essen auf ihrem Teller am Abend davor hergemacht hatte.

Die Antwort war ein schüchternes Lächeln und das Mädchen verschwand im Haus. Jody trat vor Sam und legte die Arme um ihre große Partnerin. Sie hob das Gesicht und fing Sam's Lippen zu einem tiefen Kuss ein.

"Oh, Baby, ich will mich ja nicht beschweren," seufzte Sam, als sie sich wieder voneinander lösten. "Aber darf ich dich daran erinnern, dass da drinnen drei leicht zu beeindruckende Teenager sind, die uns wahrscheinlich gerade mit riesigen Augen beobachten."

"Ich weiß, dass es Fiona überhaupt nicht interessiert," antwortete Jody darauf, und kuschelte sich noch dichter an Sam's warmen Körper. "Yarra wird es mögen und die Gelegenheit nutzen... um aus der Entfernung zu lernen." Jody konnte fühlen wie Sam kicherte, und lächelte. "Und Alice... nun, irgendwie habe ich das Gefühl, dass Alice damit keine Probleme haben wird."

"Heißt das etwa, dass ich dich zu unserem Sofa auf der Veranda bringen und dich lieben kann?" Flüsterte Sam ihr ins Ohr.

"Nein," lachte Jody und befreite sich aus Sam's Armen. "Zumindest nicht jetzt," fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. "Als erstes werden wir frühstücken."

"Das ist Schade," seufzte Sam mit einem Leuchten in den Augen. "Aber du hast Recht wie immer. Bevor ich noch umfalle, muss ich erstmal etwas essen."

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Das Frühstück war eine ruhige aber nicht unangenehme Angelegenheit. Die drei Mädchen leerten ihre Teller in Rekordzeit und als Sam das neckend kommentierte, erwiderte Fiona, das sie immer nach so einem Waldlauf einen Mordsappetit bekam, und dass das Beobachten von Wallabys eben harte Arbeit sei.

Als alle gegessen hatten, wechselten Trishia und Sam Blicke und die Blonde nickte. Die Polizistin nahm es als ein Zeichen und räusperte sich. Sofort verstärkte sich die Anspannung und drei Paar Augen ruhten auf Trishia mit einer Mischung aus Neugier, Angst und Erwartung.

"Ich denke, wir schulden euch Dreien eine Erklärung," begann Trishia und merkte wie Lucy's Hand aufmunternd ihr Knie drückte.

"Ja, so ist es," antwortete Fiona frei heraus, was ihr einen verärgerten Blick von Lucy einbrachte. Gleichzeitig stieß ihr Yarra mit dem Ellenbogen in die Seite und gab ihr ein Zeichen still zu sein. Aber Fiona ließ sich nicht so ohne weiteres entmutigen.

"Was bedeutet das alles.... über diesen Mörder? Und ist es deshalb, dass du und Lucy im Gästehaus bleiben? Ich meine, es ist furchtbar, aber es ist nicht der erste Mord der hier in der Gegend passierte, also warum fahrt ihr alle plötzlich euren Beschützerinstinkt aus?"

"Ich werde euch so viel erzählen wie ich kann, Fiona," begann Trishia geduldig zu erklären. "Aber da sind einige Dinge, die ich noch nicht aufdecken werde, ok?"

Fiona nickte und sah zu Jody und Sam hinüber, die mit ernsten Gesichtern dicht nebeneinander saßen.

"Ist Dad etwa wild geworden?" Scherzte Fiona in dem Versuch die Stimmung zu heben.

Yarra, die an ihrem Tee nippte, spuckte beinahe die Flüssigkeit aus und fing an zu husten. Fiona klopfte ihr hilfsbereit auf den Rücken, und konnte das Glitzern in ihren dunkelgrünen Augen nicht verbergen.

"Fiona McDonnell," Joan seufzte und sah ihre jüngste Tochter mit müden Augen an. "Würdest du bitte deinen Mund halten und Trishia reden lassen? Die Situation ist nicht zum scherzen."

"Tut mir leid," murmelte Fiona und senkte die Augen. Sie fühlte sich plötzlich wie ein kleines Mädchen.

Trishia sah auf den gesenkten Kopf vor ihr und verbiss sich ein Lächeln. Sie war noch immer verwundert über die Ähnlichkeiten zwischen ihrer Liebsten und Fiona. Zwei Erbsen aus derselben Hülse. Oder, wie Fiona immer sagte, aus demselben Holz geschnitzt.

"Okay, also es geht um Folgendes," fing Trishia an zu reden. "Letzte Nacht, auf meinem Weg nach Hause,  wurde ich zu einem Tatort gerufen. Yarra sagte mir, dass es heute Morgen schon in den Nachrichten war, also kann ich euch sicher berichten, dass ein junges Mädchen, ungefähr 17 Jahre alt, erstochen unten am Strand vor dem Ocean View Gardens gefunden wurde."

Trishia seufzte tief und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Sie war sich der Anspannung in der Küche und den Augen, die auf sie gerichtet waren, voll bewusst.

"Sie wurde noch nicht identifiziert und wir glauben, dass sie eine Obdachlose war."

"Dann haben wir doch nichts zu befürchten, also passt du auf Alice auf," platzte Fiona heraus, doch sobald die Worte aus ihrem Mund kamen, wünschte sie sich schon wieder sie zurücknehmen zu können. Noch einmal bekam sie den Ellenbogen zwischen die Rippen zu spüren. Als sie zu Alice hinüber blickte, sah sie, wie extrem blass das Mädchen geworden war. Ihre blauen Augen waren dunkel in dem normalerweise gebräunten Gesicht.

"Fiona, halte doch wenigstens einmal in deinem Leben die Klappe!" Schnappte Lucy.

Trishia schloss für einen kurzen Moment die Augen und sammelte ihre Gedanken. Sie befürchtete, dass Fiona's scharfer Verstand und ihr Mundwerk es ihr schwer machen würden einen Teil der Informationen zurückzuhalten. Innerlich war ihr klar, dass sie das tun musste. Alice war so schon verletzlich genug. Der scheue Teenager konnte einfach wegrennen, wenn sie herausfand, dass jemand mit schlechten Absichten versuchte sie zu finden und ihr Schaden zuzufügen.

"Es tut mir leid, Alice," hörte Trishia wie Fiona sich entschuldigte. "Ich wollte nicht unhöflich sein, es tut mir wirklich leid."

Alice nickte langsam und versuchte, den Kloß im Hals herunter zu schlucken. Sie mochte Fiona und wusste die Ehrlichkeit und den Humor des Mädchens zu schätzen. Aber ihre Worte hatten sie tief verletzt. Nicht weil es nicht stimmte. Alice wusste, dass sie in die Kategorie Obdachlose oder Ausreißer passte, aber Fiona's Worte ließen sie mit einem dumpfen Schlag wieder auf den Boden der Tatsachen fallen. Nach all der Freundlichkeit und Wärme, die sie während ihres Aufenthaltes auf Murrook Farm erhalten hatte, wusste sie doch, dass sie eines Tages wieder allein sein wird. Sie war sich nicht so sicher, ob sie damit umgehen konnte. Nicht, nachdem ihre neue Freundin ihr wieder gezeigt hatte, was Gefühle sind.

Jody sah die Gefühle in Alice Gesicht und, so mitfühlend wie sie war, konnte sie den Schmerz der von dieser schlanken Gestalt ausging fast spüren. Sie blickte zu Sam herüber und ihre Partnerin sandt ihr ein warmes, ermunterndes Lächeln. Jody wusste, sie wurde von ihr unterstützt. Sie rutschte näher an Alice heran und legte sanft eine Hand auf die eingefallenen Schultern.

"Ich verspreche dir, Alice, wenn du dich entschließen könntest es hier zu mögen, dann bist du willkommen so lange hier zu bleiben wie du möchtest. Was Sam und mich betrifft, so bist du ab jetzt nicht länger obdachlos," sprach sie leise als sie fühlte, wie sich der Körper des Mädchens für einen kurzen Moment anspannte und dann wieder lockerer wurde.

Alice ließ Jody's Worte in sich wirken und wieder erschrak sie über die Wärme, die die kleine Frau in ihr zu erzeugen vermochte. Es war neu für Alice, aber ihre Seele nahm es auf, denn es linderte die schmerzhaften Narben in Alice'Herz. Heimlich sonnte sie sich in der Aufmerksamkeit, die Jody so bereit schien zu geben.

Alice lebte schon länger in den Straßen als sie sich erinnern konnte. Sie hatte in Schuppen, Parks, alten Zugabteilen und vielen anderen Orten genächtigt, wo es dunkel, kalt, einsam und manchmal gefährlich war. Es gab Tage an denen sie keine ordentliche Mahlzeit hatte und sich mutig den Hänseleien der anderen widersetzte. Diese ganze Zeit hatte sie kaum eine Träne geweint.

Aber von dem Moment an als sie auf Murrook Farm ankam, hatte sich etwas verändert und der blonde Teenager hatte noch nicht herausgefunden was es war, das ihr so schnell unter die Haut gekrochen war. Jody hatte die Macht, sie mit nur ein paar freundlichen Worten oder einer netten Geste zum Weinen zu bringen.

Wieder brannten Alice'Augen von den Tränen und sie wagte es nicht ihren Kopf zu heben aus Angst, die anderen könnte ihre Schwäche bemerken. Also nickte sie einfach und lehnte sich unbeabsichtigt etwas näher an die rothaarige Frau neben ihr.

"Ich werde darüber nachdenken," flüsterte sie während ihr Herz Ja! schrie.

"In Ordnung," lächelte Jody und warf Sam einen liebevollen Blick zu. "Wollen wir Trishia jetzt endlich mal ausreden lassen? Fi?"

Fiona merkte wie sie rot wurde und versuchte verzweifelt Jody's Augen auszuweichen. Sie wusste, dass sie darin keinen Ärger finden würde und das war genau dass, was sie veranlasste, sich noch schuldiger zu fühlen. Zumindest Lucy und Sam würden es zeigen wenn sie sauer sind, aber die Art und Weise wie ihre älteste Schwester und Mutter mit ihren Dummheiten umgingen, war noch viel schlimmer. Normalerweise sahen sie sie dann mit einer Mischung aus Traurigkeit, Schmerz und Enttäuschung an, wodurch Fiona sich fühlte, als wäre sie die schlimmste Tochter und Schwester im ganzen Universum. Das würde sie natürlich niemals zugeben.

"Ich werde so still wie eine Maus sein," versprach sie mit einem Seufzer und sah endlich auf in ein paar Augen, die nur eine Nuance heller war als ihre eigene und sie voll Liebe ansahen.

Sie antwortete auf das Lächeln, das man in ihre Richtung sendete und blickte zu der großen Polizistin, die geduldig wartete und  mit einem leidvollen Blick zu ihr herüber sah.

"Sorry," sagte Fiona lautlos und fühlte sich schlecht weil sie sich in den letzten Minuten schon so oft entschuldigen musste.

"Wie ich sagte," fuhr Trishia trocken fort. "War das Mädchen, das letzte Nacht gefunden wurde, wahrscheinlich obdachlos. Wir kamen zu diesem Schluss, weil..." Trishia hielt inne und zögerte einen Moment. Dann entschied sie, ehrlich währt am längsten, nahm einen tiefen Atemzug und brachte ihren Satz zu Ende. "...weil es in den letzten beiden Jahren zwei ähnliche Morde gab, und beide Mädchen waren weggelaufene Teenager."

Yarra, die sich am Morgen die Nachrichten angehört hatte, hatte von den anderen Opfern nichts vernommen und ihre intelligenten Augen trafen auf Trishia's, die sie ansah und nickte.

"Wenn... diese anderen Mädchen ebenfalls obdachlos waren, dann... dann... hat der Mörder es auf sie abgesehen?" Fragte sie zurückhaltend und sah besorgt zu Alice hinüber. "Es klingt, als würde er.... sie sich aussuchen."

"Das wissen wir noch nicht," antwortete Trishia ehrlich. "Aber da könnte etwas dran sein, Yarra. Vielleicht tut er das."

Alice fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen und dachte an all die Mädchen, denen sie im Laufe der Jahre in den Straßen begegnet war. Sie zog immer von einem Ort zum anderen, blieb nie lange an ein und derselben Stelle, und das hatte sie davon abgehalten sich anderen Leuten zu sehr zu nähern. Sie hatte sich nie mit jemandem angefreundet, aber sie erinnerte sich an einige Mädchen älter als sie selbst, die freundlich zu ihr waren und ihr Essen und ihren Schlafplatz mit ihr teilten. Sie hoffte, dass es ihnen gut ging.

"Haben diese Morde auch hier in der Umgebung stattgefunden?" Fragte Fiona mit geweiteten Augen. Offensichtlich vergaß sie, dass sie versprochen hatte still zu sein. Aber ihre Frage war berechtigt und wieder zögerte Trishia.

"Nein," antwortete sie endlich. "Sie sind nicht hier passiert."

Als sie die neugierigen Gesichter von Fiona und Yarra sah, wusste Trishia, dass sie ihnen noch weitere Informationen geben musste.

"Sydney und Perth," erklärte sie und beschloss, dass das alles war was sie preisgeben würde.

Sie hatte von Alice keine Reaktion erwartet. Der blonde Teenager sprang beinahe aus seinem Stuhl heraus und ballte die Hände zu Fäusten. Ihre Augen waren auf einen Punkt in der Ferne gerichtet und alle konnten schmerzlich den Horror in diesen klaren blauen Tiefen sehen. Sie saß jetzt völlig still. Die einzige Bewegung ging von dem unregelmäßigen Heben und Senken ihrer Brust aus, welches von ihrer schweren Atmung und ihrer Halsschlagader herrührte und zeigte, wie sehr ihr Herz raste.

Die gebräunte Haut ihres Gesichts hatte ihre Farbe völlig verloren und das Mädchen war totenblass geworden. Kleine Schweißtropfen formten sich auf Stirn und Oberlippe und es schien fast als hätte Alice starkes Fieber, besonders als sie zu zittern begann. Woraufhin Fiona aufsprang und ihre Schwestern anschrie, dass sie doch etwas tun sollten.

Jody, die noch immer dicht neben dem Mädchen saß, legte vorsichtig einen Arm um den zitternden Körper und fühlte sogleich die angespannten Muskeln und die feuchte Haut.

Ohne sich umzudrehen wusste sie, dass Sam ebenfalls aufgesprungen war und nun hinter ihr stand.

"Liebling, könntest du bitte eine Decke holen?" Bat sie mit angespannter Stimme und fühlte, wie sich Sam's Wärme in ihrem Rücken entfernte. Rasche Schritte ließen vernehmen, dass ihre Partnerin schon auf dem Weg ins Schlafzimmer war.

"Was passiert hier, Trish?" Schrie Fiona beinahe.

"Sie hat einen Schock," antwortete Yarra, schob ihren Stuhl zurück und lief schnell auf Alice zu, um sich neben sie zu knien. Ihre Finger ertasteten den unregelmäßigen Puls an Alice's Handgelenk. "Wenn möglich sollten wir sie zum Sofa bringen und ihre Füße hoch legen."

Trishia war bereits auf den Beinen, hob Alice schnell in ihre starken Arme und hielt sie fest an ihre Brust gedrückt, als wäre sie ein Baby. Mit einigen großen Schritten lief sie ins Wohnzimmer und legte das Mädchen vorsichtig auf das Sofa. Sie nahm der erschrockenen Sam die Decke ab und deckte den noch zitternden Körper zu. Yarra hatte einige Kissen zusammen gesucht und war dabei, sie unter Alice's Beine zu schieben, sodass sie erhöht lagen.

"Ich werde Lisa anrufen," eröffnete Trishia, zog ihr Handy aus der Tasche und lief in die Küche zurück.

"Wer ist Lisa?" fragte Joan mit zittriger Stimme, und ließ Alice dabei nicht aus den Augen.

"Eine Psychiaterin," antwortete Lucy mit unterdrückter Stimme. "Und außerdem noch Trishia's Ex."

 

~~~ ENDE - Kapitel 9 ~~~

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Wie es weiter geht könnt ihr in Kapitel 10 lesen.

Kommentare und Feedback sind willkommen unter: ripplesintime@hotmail.com

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